Der Grieche, der Wutbürger und die Ratingagentur

Der Wutbürger ist wütend, er weiß nur nicht auf wen: So könnte man den angeregten Diskurs charakterisieren, der angesichts der Griechenpleite derzeit stattfindet. Nach der Bankenrettung kommt die Griechenrettung und bald kommt auch noch die Portugiesenrettung. So viel Solidarität findet der gemeine Wutbürger allemal übertrieben, weil schließlich „der Steuerzahler“ (Rainer Brüderle und alle anderen Sabbelköpfe), also alle Wut- und sonstigen Bürger, dafür „aufkommen“ müsse. Und beim Geld hört die Freundschaft auf. Und also ist man wütend.

Wenn es ein Problem gibt, dann fragt man heutzutage nur noch selten den Astrologen oder Priester, dafür aber umso häufiger eine andere Spezies, die seit jeher okkulte Praktiken betreibt und einfordert, um die höheren Mächte gnädig zu stimmen: Den Ökonomen. Und die höhere Macht, die der Ökonom anbeten lässt, man ahnt es bereits, ist das Kapital (oder wie er es nennt: Der Markt oder die Finanzmärkte).

Der Ökonom verfügt über eine ganze Reihe wohlerprobter Riten, die er Ländern durchzuführen empfiehlt, die die Märkte ungnädig gestimmt haben. Zur Läuterung wird empfohlen, die Ausgaben drastisch zu kürzen, Staatseigentum zu verschenken (Pardon: zu privatisieren) und natürlich alle Löhne und Renten zu reduzieren. Ein wenig mehr Armut, ein wenig mehr Obdachlose, Hungernde, Tote und möglicherweise marodierende Krawallmacher in den Innenstädten – nach dieser Phase der Askese werden sich die Finanzmärkte den gereinigten Länderseelen schon gnädig zeigen.

Einem Teil der Wutbürger gefällt das sehr gut. Schließlich habe der Grieche den ganzen Sommer nur nutzlos herum gezirpt, während der Deutsche Vorräte gesammelt habe. Diese nun mit dem faulen Griechen zu teilen, kommt ihm gar nicht in die Tüte, und so reagiert er verärgert und wütend, wenn die Ameisenkönigin Angela seine mühselig zusammengetragenen Früchte den nutzlosen Griechen hinterherschmeißt.

Nur wäre Ideologie nicht Ideologie, wenn solcherlei Geschwätz nicht automatisch die Gegenmeinung provozieren würde. Schließlich bildet man sich hierzulande allerhand ein auf seine Moralität und Friedfertigkeit. Keineswegs will man es klaglos hinnehmen, dass ein Massenmörder abgeknallt wird oder ein Grieche verhungern muss. So menschlich ist man auf der linken Seite des politischen Spektrums allemal.

Da aber der Wutbürger nun einmal wütend ist und seine Früchte nicht gern mit dem Griechen teilt, muss ein alternativer Schuldiger ausgemacht werden. Und hier kommt nun die Ratingagentur ins Spiel. Die Ratingagentur sagt, dass der Grieche im Sommer nicht genug gesammelt habe, weil sie es sage, fiele es anderen auf. Und deswegen seien die Ameisen und andere fleißige Bienchen nicht bereit, den faulen Griechen etwas von ihren Früchten zu leihen. Kurz gesagt: Die Ratingagentur ist schuld, dass der Grieche im Sommer nichts gesammelt und der Wutbürger ihm nichts abgeben will. So geht linke Kritik der politischen Ökonomie heute.

Und hier bietet sich doch eine phantastische Perspektive für eine alternative Auflösung der Fabel von dem Griechen und dem Wutbürger: Warum tun sie sich nicht zusammen und hauen der blöden Ratingagentur eins auf Maul? Dann sind genug Früchte für alle da.

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