Ende ohne Schrecken

Warum das endgültige Scheitern der liberalen Antisemitismusforschung erfreulich ist.

„Wer vom Kapitalismus nicht reden will, der möge vom Faschismus schweigen“ – dieser Satz Max Horkheimers scheint bei vielen, die in der Beforschung des Antisemitismus sich ihre akademischen Meriten verdienen, noch immer nicht angekommen zu sein. Über die Irrtümer der Liberalen in der Bewertung des Antisemitismus schrieben Adorno und Horkheimer in der „Dialektik der Aufklärung“, man schämt sich fast es noch einmal zu wiederholen, folgendes:

Die andere, die liberale These ist wahr als Idee. Sie enthält das Bild jener Gesellschaft, in der nicht länger Wut sich reproduziert und nach Eigenschaften sucht, an denen sie sich betätigen kann. Indem aber die liberale These die Einheit der Menschen als prinzipiell bereits verwirklicht ansetzt, hilft sie zur Apologie des Bestehenden. Der Versuch, durch Minoritätenpolitik und demokratische Strategie die äußerste Bedrohung abzuwenden, ist zweideutig wie die Defensive der letzten liberalen Bürger überhaupt. Ihre Ohnmacht zieht den Feind der Ohnmacht an. Dasein und Erscheinung der Juden kompromittiert die bestehende Allgemeinheit durch mangelnde Anpassung. Das unabänderliche Festhalten an ihrer eigenen Ordnung des Lebens brachte sie zur herrschenden in ein unsicheres Verhältnis. Sie erwarteten, von ihr erhalten zu werden, ohne ihrer doch mächtig zu sein. Ihre Beziehung zu den Herrenvölkern war die der Gier und der Furcht. Wann immer jedoch sie die Differenz zum herrschenden Wesen preisgaben, tauschten die Arrivierten den kalten, stoischen Charakter dafür ein, den die Gesellschaft bis heute den Menschen aufzwingt. Die dialektische Verschlingung von Aufklärung und Herrschaft, das Doppelverhältnis des Fortschritts zu Grausamkeit und Befreiung, das die Juden bei den großen Aufklärern wie den demokratischen Volksbewegungen zu fühlen bekamen, zeigt sich auch im Wesen der Assimilierten selbst. Die aufgeklärte Selbstbeherrschung, mit der die angepaßten Juden die peinlichen Erinnerungsmale der Beherrschung durch andere, gleichsam die zweite Beschneidung, an sich überwanden, hat sie aus ihrer eigenen, verwitterten Gemeinschaft vorbehaltlos zum neuzeitlichen Bürgertum geführt, das schon unaufhaltsam zum Rückfall in die bare Unterdrückung, zu seiner Reorganisation als hundertprozentige Rasse vorwärts schritt. Rasse ist nicht, wie die Völkischen es wollen, unmittelbar das naturhaft Besondere. Vielmehr ist sie die Reduktion aufs Naturhafte, auf bloße Gewalt, die verstockte Partikularität, die im Bestehenden gerade das Allgemeine ist. Rasse heute ist die Selbstbehauptung des bürgerlichen Individuums, integriert im barbarischen Kollektiv. Die Harmonie der Gesellschaft, zu der die liberalen Juden sich bekannten, mußten sie zuletzt als die der Volksgemeinschaft an sich selbst erfahren. Sie meinten, der Antisemitismus erst entstelle die Ordnung, die doch in Wahrheit ohne Entstehung der Menschen nicht leben kann. Die Verfolgung der Juden, wie Verfolgung überhaupt, ist von solcher Ordnung nicht zu trennen. Deren Wesen, wie sehr es sich zu Zeiten verstecke, ist die Gewalt, die heute sich offenbart.

Diese traurige Erfahrung musste nun auch The Yale Initiative for the Interdisciplinary
Study of Antisemitism (YIISA) machen. Ihre Ohnmacht hat die Feinde der Ohnmacht magnetisch angezogen und es rauscht im israelsolidarischen Blogwald: Dr. Clemens Heni beispielsweise rühmt YIISA wie folgt:

YIISA had events on many other topics related to antisemitism, like the history of the Holocaust, Holocaust obfuscation and denial, among other forms of historical and contemporary antisemitism. Invited scholars included Paul Lawrence Rose, Deborah Lipstadt, Dina Porat, Michael Oren (meanwhile Israel’s ambassador to the US), Anne Bayefsky, Phyllis Chesler, Ruth Wisse, Richard Landes, Yossi Klein Halevi, Irvin Cotler, Gerald Steinberg, Jeffrey Herf, Hadassa Ben-Itto, Kenneth Marcus and Michael Walzer along with activists and public figures like ADL president Abe Foxman.

Even controversial scholars like German historian Wolfgang Benz, Yale’s Sheila Benhabib, or American philosopher Martha Nussbaum, none of whom are known as critics of Muslim antisemitism, were given a podium at YIISA. The program of YIISA was diverse.

Weiter erfahren wir von Dr. Heni Folgendes über die Leitung des Instituts:

Charles Small is the founder of the Yale Initiative for the Interdisciplinary Study of Antisemitism (YIISA). His tireless engagement with YIISA was the force that made YIISA a famous institution among those who love democracy, Israel, America, and who are against bigotry, Sharia law, antisemitism and the cult of death, embraced by Islamism.

Charles was always soft in his tone, respecting the fact that YALE is a typical liberal institution of higher learning.

Dies wäre aber jemandem wie Dr. Heni nicht etwa ein Grund zur Kritik an typisch liberalen Institutionen, die Antisemitismus anziehen wie Scheiße Fliegen, sondern er fährt so fort:

YIISA made Yale a great place – but Yale obviously did not wish to rise to the challenge. New Haven and Yale do not want to be a great place. Probably they do not even deserve it.

Halten wir also fest: Eine liberale Institution, die sich wie alle anderen liberalen Institutionen in der Förderung des Antisemitismus hervortut, wird dadurch zu einem großartigen Ort, dass sie ein paar randständige Akademiker am Antisemitismus herumforschen lässt. Tut sie das aber nicht und entfernt ihr kleines anti-antisemitisches Feigenblatt, dann wird der Antisemitismusforscher Dr. Heni richtig fuchsig und spricht New Haven und Yale das Existenzrecht ab, weil er dort nun keine „kritische Wissenschaft“ mehr betreiben kann. Offenbar bemisst sich die Großartigkeit eines Ortes vor allem daran, ob dort Dr. Clemens Heni reden darf.

Aber nicht nur Antisemitismusforscher sind tief bestürzt über das Ende von YIISA, auch israelsolidarische Journalisten. Von Stefan Frank erfahren wir:

YIISA finanzierte sich durch Spenden, fiel der Universität also nicht zur Last. Viele Kommentatoren vermuten deshalb politische Motive. Eine im vergangenen Jahr veranstaltete Konferenz, in der Antisemitismus in islamischen Ländern im Blickpunkt stand, drohte Yales Sponsoren aus dem Nahen Osten zu verprellen. Der Vorwurf der »Islamophobie« wurde erhoben. »In Yale und anderen Universitäten gibt es eine Atmosphäre, in der die Wahrheit, wenn sie für Israel spricht, als rassistisch betrachtet wird«, sagt die für ihr Engagement gegen Antisemitismus bekannte Schriftstellerin Phyllis Chesler.

Dennoch hält auch Frank, Autor mehrerer Artikel in der Zeitschrift „konkret“, die er wahrscheinlich für „Kritik der politischen Ökonomie hält“, es nicht für nötig, ein Wort zur Kritik der liberalen Antisemitismusforschung zu verlieren. Dankenswerterweise ist es aber das YIISA selbst, das auf seiner Homepage in Form eines unvermeidlichen Mission Statements darüber aufklärt, was es mit liberaler Antisemitismusforschung auf sich hat:

Anti-Judaism, or the controversial term coined in the 1870s by Wilhelm Marr, Antisemitism, is one of the most complex and, at times, perplexing forms of hatred. It spans history, infecting different societies, religious and philosophical movements, and even civilizations. In the aftermath of the Holocaust, some contend that Antisemitism illustrates the limitations of the Enlightenment and modernity itself. Manifestations of Antisemitism emerge in numerous ideological based narratives and the constructed identities of belonging and otherness such as race and ethnicity, nationalisms, and anti-nationalisms.  In the contemporary context of globalised relations it appears that Antisemitism has taken on new complex and changing forms that need to be decoded, mapped and critiqued.

The subject matter of Antisemitism, like prejudice more generally, has a long and impressive intellectual and research pedigree.  It remains a topic of ongoing political importance and scholarly engagement.  However, unlike other related topics, such as prejudice and discrimination directed at other social groups, Antisemitism seems to be studied outside an organized institutional framework.  This initiative is the first comprehensive, interdisciplinary research initiative dedicated to the the study of Antisemitism based at a North American university.   This approach to the examination of Antisemitism will promote interdisciplinary analysis at the historical, sociological, political, philosophical, psychological and economic levels.  It will encourage a diverse range of research methodologies that operate at the intersection of science and policy.  The analytical assessment of the study of new forms of Antisemitism in the age of globalization will be promoted.

Bezeichnenderweise fällt das Wort „Kapitalismus” auch hier nirgendwo. Die liberale Antisemitismusforschung, die es sich zugutehält, auch Gestalten wie Wolfgang Benz zu Wort kommen zu lassen, fällt systematisch hinter die Erkenntnisse Adornos und Horkheimers zurück. Doch anstatt vom Antisemitismus zu schweigen, da sie vom Kapitalismus nicht reden wollen, veranstalten sie ein unendliches Geschwätz. Immer gemäß der Devise, dass Ideologie erst durch den Streit der Meinungen entsteht, diskutiert man als Meinung, dass der Antisemitismus vielleicht etwas mit der Aufklärung zu tun habe, vielleicht ein typisches Vorurteil sei und aus diversen Narrativen entstehe und so weiter. Der liberale Antisemitismusforscher, so kritisch er sich auch gebärden mag, erhebt somit den Antisemitismus in den Rang einer Meinung, die es zu diskutieren gelte.

Erforschung des Antisemitismus, das Aufstellen von Antisemitismustheorien entlarvt sich als das Bedürfnis, Ordnung im Chaos, Sinn im Unsinn zu stiften, vergleichbar mit der positivistischen Entwicklung einer marxistischen Kapitalismustheorie. Wikipedia weiß Spektakuläres über Charles Smalls wichtigste Arbeit zu berichten:

In a pathbreaking article entitled „Anti-Israel Sentiment Predicts Anti-Semitism in Europe,“ that appear in The Journal of Conflict Resolution, Small and Yale’s Prof. Edward Kaplan demonstrated that Europeans who hold deeply anti-Israeli views are more likely to also have classic anti-Semitic opinions by a significant margin. Looking at populations in 10 European countries, Small and Kaplan surveyed 5,000 respondents, asking them about Israeli actions and classical anti-Semitic stereotypes.

Marx stellt zur bürgerlichen Wissenschaft in seiner Fußnote 33 im ersten Band des Kapitals fest, dass die bürgerlichen Wissenschaftler wie Theologen lediglich zwei Standpunkte kennen: Ihren und den falschen. Ihre ganze Wissenschaft dient vor allem dazu, das herauszufinden, was sie und überhaupt alle schon längst wissen, die ihrer Kirche angehören. Kein Kritiker des Antisemitismus käme auf die Idee, 5000 Menschen zu befragen, um am Ende das Ergebnis zu präsentieren, dass Menschen, die die Juden nicht mögen, auch den Staat Israel weniger dufte finden als solche, die Juden für ganz normale Menschen halten. Wer so etwas für „bahnbrechende“ empirische Forschung hält, hat nicht mehr alle Tassen im Schrank.

Dass Antisemiten auch Antizionisten sind und umgekehrt, ist eine klare Angelegenheit und der Vernunft unmittelbar zugänglich. Jedwede theoretische Arbeit, die das Verhältnis von Antisemitismus und Antizionismus behandelt, fällt systematisch hinter das bereits erreichte Niveau der Kritik zurück: Jede Kritik am Staat Israel als Emanzipationsprojekt der Juden ist zugleich antisemitisch. Es gibt keine legitime Israelkritik, weil „Israelkritik“ ein Begriff ist, den es nur in Bezug auf Israel gibt. Es gibt keine „Marokkokritik“ wegen Marokkos Besetzung der Westsahara, es gibt überhaupt keine andere systematische Kritik an der Politik eines bestimmten Staates, die einen eigenen Begriff hätte. Weil der Antisemitismus historisch diskreditiert ist durch den Holocaust, weil seit 1945 kein Mensch mehr von sich sagen möchte, dass er Antisemit sei (vorher taten das viele), nennt sich der Antisemit heute Israelkritiker. Diese simple Tatsache, diese Erkenntnis antideutscher Kritik, wird von jeder positivistischen Antisemitismusforschung systematisch unterlaufen.

Es ist auch kein Zufall, dass die exemplarischen Beschwerden über die Schließung von YIISA, die hier zitiert wurden, im typisch wutbürgerlichen Tonfall der moralischen Empörung verfasst wurden und mit Kritik also gar nichts gemein haben. Wären die Direktoren von Yale keine Antisemiten, wenn sie YIISA nicht geschlossen hätten? Die moralische, idealistische „Kritik“ des Antisemitismus stellt sich solche Fragen nicht. Für sie sind, ähnlich dem Theologen die Ketzer, Antisemiten in erster Linie Menschen mit falschen Moralvorstellungen, die es zu bekehren gilt. Dafür halten sie endlose Predigten zur moralischen Erbauung der eigenen Gemeinde, anstatt Kritik zu üben. Dabei  steht den Antisemitismusforschern ihr Positivismus im Weg: So sehr sie auch die Erscheinungen richtig erfassen mögen, so sehr sie Recht haben in vielen ihrer Beobachtungen, so wenig sind sie in der Lage, die Systematik der Reproduktion des Antisemitismus in kapitalistischen Gesellschaften zu erfassen.

Wohin das führt, konnte man wunderbar in einer scheinbar belanglosen Debatte über den Aufruf zu einer proisraelischen „Großdemonstration“ im Jahr 2007 sehen. Aus verschiedenen Gründen hatte sich die Redaktion Bahamas damals geweigert, einen Aufruf zu unterstützen und einen Nichtaufruf veröffentlicht, in dem folgender Satz vorkam: „Wie heißt es doch in dem an Herz und Verstand kaum zu übertreffenden fünf Aussagesätzen, aus denen der Aufruf besteht, und den ein repräsentativer Teil des organisierten Judentums in Deutschland unterschrieben hat?“ Es geht in diesem Satz klar um eine Kritik eines Aufruftextes und um die Tatsache, dass verschiedene jüdische Organisationen in Deutschland diesen Aufruf unterschrieben haben. Doch was machen unsere positivistischen Kritiker des Antisemitismus daraus? Zwei Beispiele:

„Juden lügen, heucheln und suchen immer nur den eigenen Vorteil, das ist die Quintessenz dieser Vorwürfe aus den Bahamas.“ „Wer gegen das ‚organisierte Judentum‘ agitiert und Juden ein ‚Gemeinschaftsbedürfnis‘ unterstellt, wenn sie gemeinsam gegen Judenhass auf die Straße gehen, leistet dem Antisemitismus Vorschub“ (Clemens Heni, am 22.1. in israel-solidaritaet@ yahoogroups.com.).

„Dabei ist das Gerede vom ‚organisierten Judentum‘ längst zum Code rechts- wie linksradikaler Antisemiten geworden; deutsche Neonazis benutzen ihn genauso wie etwa Norman Finkelstein und Israel Shamir. Dahinter steht im antisemitischen Milieu die Behauptung einer organisierten Bedrohung, die in der Stürmer- Parole‚ Judentum ist organisiertes Verbrechen‘ kulminiert.“ (Lizas Welt und Hector Calvelli am 23.1. in israel-solidaritaet@yahoogroups.com).

Der positivistische Antisemitismusforscher funktioniert also wie Harald Schmidts Nazometer, das nicht umsonst großen Ärger auslöste, weil es das Niveau des deutschen Antifaschismus zu deutlich auf den Punkt bringt. Mit der Kritik des Antisemitismus sieht es angesichts solcher Unfälle nicht besser aus. In den Händen dieser ideologischen Schaumschläger verkommt die Kritik des Antisemitismus tatsächlich zu einer „Antisemitismuskeule“, Antisemit wird, wie Gremlizas Genosse Zuckermann sagt, zu einem rein ideologischen Denunziationsbegriff wie Nazi oder Rassist. Dies ist kein Zufall, sondern der positivistischen Definition des Antisemitismusbegriffs geschuldet, wie sie die Antisemitismusforschung vornimmt. Antisemit ist wer dieses oder jenes sagt, diesen oder jenen Begriff verwendet, mal ist es das „organisierte Judentum“, mal die „Antisemitismuskeule“, die wir vorsichtigerweise in Anführungszeichen setzen, man weiß ja nie auf welche Idee diese Leute noch so kommen werden.

Da aber es im postfaschistischen Deutschland und im Rest der Welt nur so von Antisemitismus und Antisemiten wimmelt und solche Vorwürfe fast immer den Richtigen treffen und nur ausnahmsweise die Redaktion Bahamas, haben die positivistischen Gegner des Antisemitismus auch keinen Anlass, sich kritisch zu hinterfragen. Im Gegenteil: Die Denunziation der Bahamas als antisemitisch hat man keineswegs öffentlich zurückgenommen, sondern klammheimlich revidiert, indem man Aufsätze verlinkt, zu ihren Veranstaltungen mit aufruft oder dort Erklärungen verliest. Ansonsten macht man weiter wie bisher: Man scannt die Tagespresse und den Blogwald nach bestimmten Schlagworten und erklärt Leute, die sie verwenden, zu Antisemiten. Und die Gemeinde freut sich.

Für die Antisemitismusforscher gilt allemal der Satz Hugo von Hofmannsthals: „Die gefährlichste Sorte von Dummheit ist ein scharfer Verstand.“ Ihr Versuch, den Antisemitismus zu zerlegen, zu verkleinern, in Kategorien zu packen wird nicht nur dem Gegenstand nicht gerecht, sondern stellt auch eine der Verrücktheit des Antisemitismus unangemessene Rationalisierung und damit eine Verharmlosung dar. Die endlosen Widerlegungen antisemitischer Stereotype, antiisraelischer Ressentiments, also der Erscheinungsformen des Antisemitismus, haben nicht den Effekt, dass heute alle Menschen aufgeklärte Gegner des Antisemitismus wären. Gegner des Antisemitismus zu sein ist keine Frage der Aufklärung über die wirkliche Natur des Judenstaates als „einziger Demokratie im Nahen Osten“, sondern eine Frage der Vernunft.

Diese Vernunft kann aber nur dann aufgebracht werden, wenn deutlich gemacht wird, dass der Antisemitismus nicht etwa ein bloßes Vorurteil ist, sei es gegen die Juden oder den Staat Israel, sondern auf ein tiefsitzendes ideologisches Bedürfnis zurückgeht, das die falschen Verhältnisse, die bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft also, hervorbringt. Vorurteile sind dagegen kein Resultat gesellschaftlicher Verhältnisse sondern menschlich und basieren oft genug auf Erfahrungen, auf simpler Induktion: Der Türke Ali hat mich gehauen, also sind alle Türken blöd. Und Vorurteile können Leben retten: Hätte Alberto Adriano unsere Vorurteile über die Bewohner der Ostzone geteilt, wäre er möglicherweise nicht allein im Dunkeln durch einen Park in Dessau gelaufen. Vorurteile, noch nicht einmal Ressentiments müssen also notwendigerweise in Aggression münden, sie können auch vollkommen gegenteilige Effekte haben wie den eine bestimmte Person oder Gruppe zu meiden. Derzeit ist es in Mode gekommen, das Vorurteil der „Islamophobie“ zu studieren, von dem große Teile der autochthonen europäischen Bevölkerung befallen sein sollen. Erfreulicherweise drücken sich die negativen Haltungen gegenüber der Religion Islam aber nicht in Gewalt gegen Moslems aus.

Den Antisemitismus zeichnet dagegen gerade die Aggression aus. Friedliebende Menschen wie Norman Paech werden zur Wildsau, wenn sie über Israel reden und es ist ihnen gleichgültig, mit welchen Mordbrennern und Totschlägern sie auf einem Schiff sitzen, wenn sie nur das gleiche Ziel verfolgen: Die Blockade Gazas durch Israel zu durchbrechen – nicht zufällig ein militärischer Terminus. Geradezu klassisch ist auch das Verständnis, das Terroristen, den Wählern der Hamas und sonstigen blutrünstigen Judenhassern durch „friedliebende“ Antisemiten zuteilwird: Das Verständnis liegt einzig darin begründet, dass man das Motiv, das „Tod den Juden“ heißt, vollauf teilt, aber vorläufig die Arbeit anderen Antisemiten überlassen muss. Diese Arbeitsteilung wurde nirgendwo deutlicher als an Bord der Mavi Marmara: Die friedlichen linken Aktivist_innen wurden unter Deck eingesperrt, die islamistischen Schläger verrichteten oben die Drecksarbeit. Selbst den „friedliebendsten“ Antisemiten drängt es immerfort dazu, seinen Aggressionen Taten folgen zu lassen. Dass sich Antisemitismus wunderbar mit der Utopie vom „ewigen Frieden“ vereinen lässt, ist nicht nur aus den zahllosen Friedensreden Hitlers und seiner Utopie von einer friedlichen Welt nach „Endsieg“ und „Endlösung“ ersichtlich oder an Neonazis, die „Nach unserm Sieg – Nie wieder Krieg!“ skandieren. Antisemiten reden, wenn sie ihren Gewaltphantasien Luft verschaffen, von einem „dauerhaften Frieden“ und einer „Lösung des Konflikts“ – also von einer Endlösung.

Der Antisemitismus also ist ein Wahn, der eben nicht falscher Moralvorstellung entspricht, sondern dem Bedürfnis, die schlechten Verhältnisse zu transzendieren, in denen es Krieg, Herrschaft, Unterdrückung, Besatzung, Ausbeutung und all diese Dinge gibt. Aus diesem Grund ist der Antisemit auch so empört, wenn man ihn in die Nähe des Rassismus stellt oder ihm sonstige niederen Beweggründe unterstellt: Der Antisemit hat ein vollkommen reines Gewissen, er ist Idealist. Nicht umsonst sprach Eike Geisel von der „Banalität des Guten“: Die Motive, aus denen Norman Paech und andere „Gutmenschen“ Israel kritisieren, sind ehrenhafte: Wer würde denn auch ernsthaft leugnen wollen, dass die Besetzung der Westbank eine schlechte Sache ist? Selbst in Israel ist man sich darüber einig. Wer würde ernsthaft leugnen, dass die Toten israelischer Kriege auch nicht lebendiger sind als die anderer Kriege? Und wer würde ernsthaft bestreiten, dass es besser wäre, wenn es diese Kriege und diese Toten nicht gäbe?

Genau aus diesem einfachen Grund ist jede Theorie des Antisemitismus unkritisch und damit letztendlich nutzlos, die sich nicht mit den Verhältnissen befasst, die Antisemitismus hervorbringen, also dem Skandal der Herrschaft des Menschen über den Menschen und der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Es ist ein interessanter und in der Kritik des Antisemitismus in der Linkspartei unbeachteter Fakt, dass die „Fundamentalisten“ um Sahra Wagenknecht, also diejenigen, die den Kapitalismus, in welchem Sinne auch immer, „überwinden“ möchten, in stärkerer Feindschaft zu Israel stehen als die sogenannten „Reformer“ um Gysi oder Ramelow. Angela Merkel war es, die die Solidarität mit Israel zur „Staatsräson“ erklärt hat – in der „Israelfrage“ geht es innerhalb der Linken nicht etwa darum, wie man sich zu den Menschen auf einem kleinen Landstrich im Nahen Osten verhält, sondern um das Verhältnis zum deutschen Staat. Es geht darum, die „Staatsräson“ anzuerkennen, um die sogenannte „Regierungsfähigkeit“ zu erlangen. Das bedeutet, dass man zwar seine Wunschvorstellungen bezüglich des idealen, gerechten Staates haben, aber nicht in die Tat umsetzen darf. Es geht also bei der Debatte um Israel und Antizionismus in der Linkspartei viel weniger um Israel als um die Möglichkeit des Mitregierens. Der BAK Shalom ist somit Wegbereiter einer israelkritischen Bundesregierung unter Beteiligung der Linkspartei.

Insofern ist es schlicht falsch, von neuem Antisemitismus zu sprechen, wenn es um Israelfeindschaft geht. Der Antizionismus ist so alt wie der Zionismus selbst und sein Manifest sind die Protokolle der Weisen von Zion. Es wird oft unterschieden zwischen Antizionismus als den politischen Motiven und Antisemitismus als den ökonomischen Motiven des Judenhasses, die sich gegenseitig bedingen. Zur Illusion des gerechten Staates des ganzen Volkes, der friedlich aus dem Boden wächst und sich der Staatswille demokratisch aus dem Willen aller seiner Bürger bilde, kommt die einer gesunden, krisenfesten Wirtschaft ohne Spekulation und Zins. Was dem Antisemiten die bösen Spekulanten, die gemeinen Ratingagenturen und der globale Geldadel, also die jüdische Wall Street sind (die neuste Variante ist die Forderung nach einer „europäischen Ratingagentur“, weil drei der vier großen Ratingagenturen in New York säßen), ist dem Antizionisten der abstrakte Rechtsstaat. So wie er vom schaffenden Kapital das raffende ablösen will, so hängt er der Illusion an, dass der Staatswille durch den Willen aller seiner Bürger konstituiert werden könnte. Erst vor diesem Hintergrund wird klar, warum das, was Israel zum fortschrittlichsten Staat der Welt macht, von den Gegnern Israels scharf kritisiert wird: Dass Israel ein jüdischer Staat ist und nicht der Staat aller Bürger sei. Denn dieser und nur dieser Umstand unterscheidet Israel von anderen bürgerlichen Staaten. Der Staat Israel vertritt durch das Recht auf Einreise und Staatsbürgerschaft aller Juden und derer, die als Juden verfolgt werden, nicht nur die Bevölkerung, sondern alle Menschen, die von Antisemitismus bedroht sind. Es ist dieser Universalismus des jüdischen Staates, und nicht etwa die Tatsache, dass seine Vertreter demokratisch gewählt werden, die Israel positiv von allen anderen Staaten abhebt. Solidarität mit Israel ist kein Selbstzweck, sondern hat sich aus der kühnen Hoffnung entwickelt, dass dieser kleine Staat, der konträr zur allgemeinen Katastrophe steht, die die Welt spätestens seit dem Holocaust ist, Vorschein einer besseren Zukunft sein könnte – und aus der Gewissheit, dass das Ende des jüdischen Staates auch das Ende jeder solchen Perspektive wäre.

Vor diesem Hintergrund erscheint auch das Ende von YIISA zunächst als eine weitere Niederlage der Freunde Israels in der Welt. Selbst in den USA, zumal in Zeiten einer Regierung Obama, scheint es nicht mehr opportun zu sein, sich bedingungslos für Israel einzusetzen. Wichtiger aber ist, dass die Illusionen, die sich ein erheblicher Teil der Antisemitismusforscher und ihrer Gemeinde bezüglich des Staates und der bürgerlichen Gesellschaft hingeben, durch diesen Vorgang erschüttert werden. Kritik des Antisemitismus ist kein Selbstzweck, Antisemitismustheorie ist eine falsche Rationalisierung: Es kann nicht das Ziel der Kritiker des Antisemitismus sein, eine sichere Festanstellung als Antisemitismusforscher zu erlangen.  Ziel der Kritik des Antisemitismus ist das, was als Adornos kategorischer Imperativ bekannt wurde, was aber lediglich die einzig vernünftige Forderung ist, die nach Auschwitz noch übrig bleibt:

Hitler hat den Menschen im Stande ihrer Unfreiheit einen neuen kategorischen Imperativ aufgezwungen: ihr Denken und Handeln so einzurichten, daß Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts Ähnliches geschehe. Dieser Imperativ ist so widerspenstig gegen seine Begründung wie einst die Gegebenheiten.

Dieser Satz ist nicht nur in Verbindung mit dem eingangs zitierten Satz, den man als „Horkheimers Imperativ“ bezeichnen könnte, zu sehen, sondern auch mit Kants und Marx‘ kategorischen Imperativen. Eine bürgerlich kritische Wissenschaft des Antisemitismus kann es nicht nur nicht geben, sondern sie leistet auch, frei nach Wolfgang Pohrt, „Beiträge zum weltweiten Antisemitismus“. Demgegenüber fordert das Aktionsbündnis gegen Wutbürger eine radikale und polemische Kritik des Antisemitismus, die auf Befindlichkeiten des Wissenschaftsbetriebs keine Rücksicht nimmt und auf die Überwindung der falschen Verhältnisse zielt, die den Antisemitismus immer und immer wieder hervorbringen. Nur auf diese Art kann man dem kategorischen Imperativ, den Hitler uns aufgezwungen hat, gerecht werden.

P.S.

Bevor man uns des Plagiats Guttenbergscher Art bezichtigt: Dieser Aufsatz basiert im wesentlichen auf Texten, Gedanken und Äußerungen Joachim Bruhns. Die ISF wird zwar pflichtschuldig in jedem israelsolidarischen Blog verlinkt, aber offenbar nicht gelesen.

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