Des Wutbürgers Komödiant

Eine Würdigung der Kabarettcanaille Georg Schramm

In Faßbinders Stück „Die Stadt, der Müll und der Tod“ sagt der Antisemit: „So denkt es in mir.“ Wer wissen will, wie es im Wutbürger denkt, sollte auf youtube nach dem Stichwort „Georg Schramm“ suchen. Prototyp des verbitterten, von allen nur belogenen und betrogenen Wutbürgers ist seine Figur Lothar Dombrowski, die Schramm längst zur zweiten Haut geworden ist. Die Reflexionsebene, die man dieser Figur teilweise noch zuschreiben konnte, ist spätestens verloren gegangen, als Schramm bei den Protesten gegen Stuttgart 21 als Dombrowski auftrat und den Volkstribun gab. Eine Textversion dieser Rede, in der es am gesamten Repertoire antisemitischer Ressentiments nicht mangelt, wäre wohl selbst für hartgesottene Leser eine Zumutung. Darum nur Auszüge:

Das Volk ist nämlich weiter als die Herrschenden. Das Volk würde liebend gern den Banken wieder zu dem Ansehen verhelfen, das sie einmal hatten, als man sie noch Geldverleiher nannte, als es noch ein dreckiges Handwerk war, das ein ehrbarer Christ gar nicht ausüben wollte, als die Ackermänner und Nonnenmacher des Landes bei Hof noch den Dienstboteneingang nehmen mussten, statt als Duzfreunde der Herrscherin an der Tafel zu sitzen!
(…)
Wäre die Kanzlerin tatsächlich opportunistisch gegenüber ihrem eigenen Volk, dann verlöre sie die Gunst der Geldverleiher. Dann wäre sie nicht mehr die mächtigste Frau der Welt. (…) Frau Merkel ist noch nicht einmal die mächtigste Frau im eigenen Land, das sind Liz Mohn und Friede Springer, Bertelsmann- und BILD-Konzern, die lautstarken Herolde eines maroden Systems, das weltweit an den Fäden der Geldverleiher zappelt!
(…)
Die wahrhaft Mächtigen, die sind gewiss, dass sie die Gunst des Volkes schon längst verloren haben. Das macht die Kanzlerin so wertvoll: Solange sie die Gunst des Volkes hat, hat sie die Gunst der Macht. Das nennt man in der Biologie eine Symbiose. Aber wenn es zu Lasten des Wirtstiers geht, dann nennt man es eine parasitäre Symbiose, und das Wirtstier, das sind wir!

Der vermeintliche Kabarettist hatte ganz offenbar seine Rolle gefunden. Vor einem von ihm noch scheindistanziert als „Berufsdemonstranten“ angesprochenen, johlenden Publikum konnte Schramm das ganze Repertoire dessen, was es in ihm so denkt, breittreten. Welches seine Feindbilder als guter deutscher Volkstribun sind, wusste man bereits vorher: Das internationale Finanzkapital einerseits und der jüdische Staat andererseits. Schramm weiß, was die Volksseele umtreibt und deswegen hätte es auch keinen besseren Redner geben können als ihn. Auch des Wutbürgers Politiker von der linken Seite des politischen Spektrums lassen sich am liebsten von ihm beschimpfen, weil sie wissen, dass sie im Vergleich zu Lobbyisten und Mediengestalten wie „Comicfigur“ Westerwelle, „Klofrau“ Illner oder der „Pissrinne“ Beckmann noch besser wegkommen.

Schramms Version der deutschen Ideologie ist weder neu noch originell. Es wird das Lied vom Kampf des Staates gegen das Kapital gesungen, in dem der Staat umstandslos mit dem Gemeinwohl assoziiert wird und deswegen leider von vornherein auf verlorenem Posten steht. Wie alle deutschen Staatsfetischisten jammert Schramm über die bösen Lobbyisten, die unsere Staatsvertreter kaufen und damit die Agentur des Gemeinwohls in eine der partikularen Interessen verwandeln.  Unter den Zuhörern Schramms sind auch die zahllosen Bürger zu vermuten, die mit ihrem Geld nichts besseres anzufangen wissen als so viele Steuern wie möglich zu zahlen und deswegen sich vehement dagegen aussprechen, mehr Geld in der eigenen Tasche zu haben, vor allem wenn es zu Lasten des ungemein wichtigen Schuldenabbaus des heißgeliebten Staates geht.

Staatskritik ist Gestalten wie Schramm und seinen Fans immer notwendigerweise eine der Souveränität, gegen die es gelte, eine wutbürgerliche Gegensouveränität zu etablieren. Vom guten, gemeinnützigen Staat werden das Kapital einerseits und der Gewaltcharakter andererseits abgespalten. Staat des Kapitals sind die USA, wofür Synonyme wie Finanzkapital, Wall Street, Ratingagentur oder Goldman Sachs stehen. Für den Gewaltcharakter des Staates steht exemplarisch Israel, das kleine Land, das unrechtmäßig Palästinenser unterdrücke und Kriegspläne gegen den friedlichen Iran schmiede. Die „Kritik“ und der „Witz“ des Wutbürgertribuns Schramm sind blankes Ressentiment, das sich wie der Protest gegen Stuttgart 21 oder die Empörung über das frühzeitige Ableben bin Ladens „passiv-aggressiv“ (Broder) äußert.

Wer die Aggression der Kabarettcanaille Schramm spürt, ist auch unmittelbar davon geheilt, sich über vermeintliche „Gutmenschen“ auszulassen. In wem es so denkt, ist weder Gutmensch noch guter Mensch, sondern vom Hass zerfressenes, im Zerfall begriffenes spätbürgerliches Subjekt. Wer den Antisemiten aller Couleur Gutmenschentum, die „Banalität des Guten“ oder „die Moralität von Debilen“ (Eike Geisel) zuschreibt, unterschätzt systematisch die Bösartigkeit der Anhänger Schramms und anderer Antisemiten. Eine Gesellschaft, in der sich ihre Vision von Demokratie und Bürgerbeteiligung durchsetzt, wäre die vollendete Barbarei auf der Höhe der Zeit.

Komödianten wie Schramm, die den Leuten Machwerke wie Hessels „Indignez-Vous!“ ans Herz legen, gehören in den Kontext internationaler Bewegungen, deren scheinbar inhaltsleerer Ruf nach „mehr Demokratie“ letztendlich nichts weiter bedeutet als diffusen Hass und Zorn offen auszuleben. Nicht umsonst sind die Feindbilder überall dieselben, ob bei Hessel, Schramm, in Spanien oder in Ägypten: Der Staat Israel, das Finanzkapital, die korrupten Politiker, partikulare Interessen. In der kurzen Euphorie über den arabischen Frühling und die ägyptische Revolution wurde Israel von allen Seiten vorgehalten, dass seine skeptische Haltung ein Verrat an der demokratischen Idee sei. Heute interessiert man sich nur noch wenig für Ägypten und seine massiven ökonomischen Probleme. Welche Kräfte dort die Oberhand gewinnen werden, weil niemand in der Lage sein dürfte, kurz- oder mittelfristige Verbesserungen zu bewegen, ist angesichts der Feindbilder offenkundig.

Weitere Kommentare zur traurigen Figur Georg Schramm erübrigen sich, der Mann spricht für sich selbst und seine begeisterten Anhänger. Unbehelligt von Protest und Kritik darf er durch die Lande touren und vor ausverkauften Hallen seine Parolen unter das Wutvolk schmeißen.  Würde Schramm-Dombrowski als Kanzlerkandidat der Grünen zur nächsten Bundestagswahl antreten, wäre die absolute Mehrheit gewiss. Die Sehnsucht nach einem Volkstribun kann z.B. Cem Özdemir bei allem Bemühen („Wir sind die Gemeinwohlpartei“) nicht erfüllen.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized abgelegt und mit , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu Des Wutbürgers Komödiant

  1. Pierrot schreibt:

    G. Schramm philosophiert über Zorn und nicht über Wut.

    Besser recherchieren!
    Vielen Dank für die Kenntnisnahme!

    Hochachtungsvoll,
    Pierrot

  2. Hanspeter Moesch schreibt:

    Wie recht Herr Schramm hat, der wie Till Eulenspiegel der Wahrheit den Spiegel hinhält, die aber keiner sehen will, weil umbequem.

  3. schramm_macht_mir_angst:[ schreibt:

    Sehr schöner Artikel. Kapitalismus-Kritik in allen Ehren, aber das ist einfach Antisemtismus in Reinform. Gruseliger Mann.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s