Materialien zur Kritik des Wutbürgers

1. Teil: Eine Art Einleitung

Bereits mit dem Akt seiner Gründung hat das Aktionsbündnis gegen Wutbürger eindeutig Stellung bezogen: Gegen das, was man den „Wutbürger“ nennt. Doch damit diese Frontstellung überhaupt sinnvoll sein kann, ist es wichtig, sich der Sache zuzuwenden und die Arbeit am Begriff aufzunehmen, anstatt den Begriff zu inflationär zu verwenden, oder, was aus unserer Sicht schlimmer wäre, ganz aufzugeben, nachdem die Operettenrevolution in Stuttgart wie ein Ballon in sich zusammengefallen ist, aus dem man die Luft herausgelassen hat. Da es dem Aktionsbündnis gegen Wutbürger unmöglich erscheint, alle Aspekte des Wutbürgers und die notwendige Kritik daran in die Form eines Blogbeitrags zu gießen, erscheinen von nun an von Zeit zu Zeit „Materialien zur Kritik des Wutbürgers“, die versuchen, sich dem Phänomen und seinen Aspekten anzunähern. Diese Reihe ist offen für kritische Interventionen, Debatte und Gastbeiträge.

Auch wenn die Wortschöpfung „Wutbürger“ im Zusammenhang mit den Protesten gegen das sinnvolle Bahnhofsprojekt „Stuttgart 21“ erstmalig vom Journalisten Dirk Kurbjuweit (Spiegel Nr. 41, 2010) verwendet wurde, geht der kritische Gehalt des Begriffs, wie zu zeigen sein wird, weit über Stuttgart und den läppischen Streit um einen neuen Bahnhof hinaus. Bereits Kurbjuweit war sich dessen bewusst, als er neben Stuttgart 21 die heute allmählich in Vergessenheit geratene „Sarrazin-Debatte“ (zu der damals an anderer Stelle bereits Nötiges geschrieben wurde) als Aufhänger für seine Definition des „Wutbürgers“ nahm, die zu dieser Zeit noch kritisch-distanziert daherkam:

Eine neue Gestalt macht sich wichtig in der deutschen Gesellschaft: Das ist der Wutbürger. Er bricht mit der bürgerlichen Tradition, dass zur politischen Mitte auch eine innere Mitte gehört, also Gelassenheit, Contenance. Der Wutbürger buht, schreit, hasst. Er ist konservativ, wohlhabend und nicht mehr jung. Früher war er staatstragend, jetzt ist er zutiefst empört über die Politiker. Er zeigt sich bei Veranstaltungen mit Thilo Sarrazin und bei Demonstrationen gegen das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21.
Als Sarrazin seine Thesen in München vorstellte, schrieb die „Süddeutsche Zeitung“ hinterher: „Das gediegene Münchner Bürgertum hat sich schrecklich danebenbenommen.“ – „Da wurde gezischt, gebuht und lautstark dazwischengerufen.“ – „In der Münchner Reithalle herrschte ein Hauch von Sportpalast. Gutgekleidete Grauköpfe ereiferten sich nicht nur, sie geiferten.“ Und zwar gegen Sarrazins Kritiker.
Die Proteste gegen Stuttgart 21 werden von Bürgerlichen getragen, darunter CDU-Wähler und Rentner. Auch sie treibt die nackte Wut, auch sie brüllen und hassen. Tag für Tag, Woche für Woche zieht es sie an den Bauzaun, wild entschlossen, in fanatischer Gegnerschaft.

Der Wutbürger kann insofern verstanden werden als Ausdruck eines bürgerlichen Selbsthasses, als eine bürgerliche Absage an das, was Bürgerlichkeit im ursprünglichen Sinne des Wortes bedeutet. Dazu gehört, wie Kurbjuweit zu Recht feststellt, die Ablehnung der Politiker aller Parteien, allerdings auch formaler, demokratischer Prozesse:

„Der Wutbürger (…)vergisst zudem, dass er die Demokratie trägt. Es spielt keine Rolle mehr, dass das Bahnhofsprojekt in einem langen Prozess durch alle demokratischen Instanzen gegangen ist. Der Wutbürger hat das Gefühl, Mehrheit zu sein und die Lage besser beurteilen zu können als die Politik. Er macht sich zur letzten Instanz und hebelt dabei das gesamte System aus.“

Rajko Eichkamp stellte in Anschluss an Manfred Dahlmann (Bahamas Nr. 41, S.56 ff) zu Recht fest (Bahamas Nr. 61, S. 5ff), dass die wutbürgerlichen Proteste eine „Spielwiese der Gegensouveränität“ sind. In seiner subjektivistischen Willkür will der Wutbürger sich also selbst an die Stelle des Souveräns setzen, die herrschende Ordnung durch eine andere ersetzen, in der statt der Winkelzüge des Parlamentarismus unmittelbar der als Volkswille halluzinierte eigene Wille durchgesetzt werden soll. Die Überraschung der Wutbürger muss groß gewesen sein, als sie am Tag der Volksabstimmung in Baden-Württemberg bemerkten, dass sie in der Tat nur eine laute Minderheit waren und dass ihre Interessen mitnichten von der Mehrheit der Bewohner ihres Bundeslandes geteilt wurden. Betrachtet man jedoch die historische Herausbildung des Wutbürgers im postfaschistischen Deutschland, so ist dies nicht weiter verwunderlich. Es ist ihre Lautstärke, die einen zu der Annahme verführt, es handele sich um eine gesellschaftliche Mehrheit.

Dies ist aber weder Grund zur Entwarnung, noch erscheint es uns richtig, den Begriff des Wutbürgers, wie Kurbjuweit es tut, auf ältere, konservative Menschen zu begrenzen. Der Wutbürger, wie wir ihn verstehen, ist relativ gut gebildet (bzw. hat zumindest oft irgendwelche akademischen Abschlüsse erworben, was nicht dasselbe ist), parteipolitisch nicht gebunden, relativ zufrieden mit den materiellen Lebensumständen und von der Angst vor sozialem Abstieg befallen. Es ist also keineswegs an den Haaren herbeigezogen, den „Wutbürger“ in Deutschland als legitimen Nachfolger der 68er und insbesondere der Umwelt- und Friedensbewegung der 80er zu sehen, deren Restbestände heute selbstredend mit den „Wutbürgern“ wie zum Beispiel in Stuttgart oder in der später noch zu behandelnden „Occupy-Bewegung“ gemeinsame Sache zu machen. Die Mittel, derer man sich bedient und der Tonfall der moralischen Empörung, z.B. anlässlich der regelmäßigen Castortransporte ins Wendland, ähneln sich zu sehr, um dies als bloße Zufälligkeit abzutun, der Wutbürger ist in diesem gottverlassenen Landstrich ein altbekanntes und keineswegs ein neues Phänomen.

Als bedeutende gesellschaftliche Bewegung trat der Wutbürger jedoch, und dies wird beinahe nirgendwo erwähnt, natürlich zuerst in Hamburg in Erscheinung, also nicht zufällig in der Stadt, in der man als israelsolidarischer Mensch seiner körperlichen Unversehrtheit nicht sicher sein kann. Denn Bürgerlichkeit in Deutschland „scheut sich“, wie Marx bereits 1845 bemerkte, „von seinem Privatinteresse zu sprechen und spricht vom Nationalinteresse.“ Und so ist es nicht verwunderlich, dass die Wutbürger dort mit ihrer Initiative „Wir wollen lernen“ das erreichten, was in Stuttgart nicht gelang: Eine Maßnahme zur Verbesserung der Lernsituation insbesondere der Kinder aus sogenannten „Unterschichtfamilien“ zu kippen und damit durchzusetzen, dass die Hamburger Bürgerkinder auch in Zukunft spätestens nach der vierten Klasse unter sich bleiben. Als zentrales „Argument“ wurde dabei geltend gemacht, dass der Lernrückstand der Unterprivilegierten bereits nach Klasse 4 so groß (und damit bei „denen“ sowieso schon Hopfen und Malz verloren) sei und dass in Gymnasien in den Klassen 5 und 6 sehr gute Arbeit geleistet werde, insbesondere in der Förderung der „Begabten“– also dass die bessere Bildung und die Bevorteilung der eigenen Kinder somit ganz im Interesse des sogenannten Volkes sei. Im Gegensatz zur Volksinitiative gegen Stuttgart 21 konnte „Wir wollen lernen“ einen grandiosen Erfolg verbuchen: Am 18.7.2010 stimmten, bei einer Wahlbeteiligung von lediglich 39%, 58% für das Begehren gegen die von allen im Hamburger Senat vertretenen Parteien verabschiedete Schulreform. Auch hier war es keineswegs die Mehrheit, die das Projekt erbittert bekämpfte, sondern eine gut organisierte Minderheit relativ wohlhabender Bürger, die sich vor dem Einbruch der Unterprivilegierten in ihre Sphäre und vor allem vor dem sozialen Abstieg ihrer Kinder in das Heer der Überflüssigen und Ausgestoßenen fürchteten.

Es ist also aufgrund des Wahlergebnisses in Stuttgart keineswegs festzustellen, dass die direkte Demokratie den Wutbürger fernhalte, wie Samuel Salzborn in völliger Verkennung der Realität behauptete. Vielmehr ist es so, dass der ganze Zirkus um Stuttgart 21 inklusive der „Schlichtung“ mit Oberwutbürger Heiner Geißler dem formaljuristisch illegitimen Anliegen der Wutbürger eine Legitimität gegeben hat. Dass solche Volksabstimmungen auch anders ausgehen, wenn es keine bürgerlichen Gegenkräfte gibt, beweist das Beispiel Hamburg. Wutbürgerliche Bewegungen treten kritisch gegen Staat, Parteien und Parlamentarismus auf, jedoch nicht ohne gleichzeitig vom Staat zu verlangen, er möge ihren Willen vollstrecken und die Gesellschaft ganz zu seinem Vorteil einrichten. Rajko Eichkamp (Bahamas Nr. 61, s.o.) wies sehr zu Recht darauf hin, dass das zentrale Motto der Proteste in Stuttgart, „Oben bleiben“, auf gesellschaftliche Statik und Verwewigung der sozialen Unterschiede zum Vorteil des Wutbürgers abzielt.

Entgegen der zunächst abwertenden Bedeutung des Wortes kam der Wutbürger jedoch zu neuem Ansehen, als die Gesellschaft für Sprachzerstörung den Begriff ins Positive wendete und zum „Wort des Jahres“ erklärte – mit der Begründung, der Begriff sei verwendet worden, „um einer Empörung in der Bevölkerung darüber Ausdruck zu geben, dass politische Entscheidungen über ihren Kopf hinweg getroffen werden. Das Wort dokumentiert ein großes Bedürfnis der Bürgerinnen und Bürger, über ihre Wahlentscheidung hinaus ein Mitspracherecht bei gesellschaftlich und politisch relevanten Projekten zu haben.“ Dies widerspricht nicht nur dem Sinn, in dem das Wort zunächst verwendet wurde, sondern lässt klar erkennen, dass dieser Eindruck geteilt wird. Der Wutbürger kann somit als Phänomen diffuser gesellschaftlicher Unzufriedenheit mit dem „politischen System“ der parlamentarischen Demokratie und der „rule of law“ verstanden werden.

Diese Definition öffnet den Begriff des Wutbürgers für die Kritik weltweiter Protestbewegungen, wie sie sich unter dem Eindruck der „Finanz-“ bzw. „Staatsschuldenkrise“ gebildet haben und die längst nicht nur in Deutschland am Start sind, die bürgerliche Republik zu demontieren, um Formen der direkten Demokratie (oder, wie ein neues Schlagwort lautet, „liquid democracy“), also den „Gegensouverän“ an den Start zu bringen. Die kommenden Materialien verfolgen das Ziel, diese Bewegungen, vom „Arabischen Frühling“ (der gerade zum ägyptischen Winter wird) über Jugendbewegungen in der südeuropäischen EU-Peripherie bis hin zur drohenden Unterminierung der amerikanischen Republik durch „Tea Party“ und „Occupy Wall Street“, neben denen selbst der antiisraelischste US-Präsident aller Zeiten ausgesprochen vernünftig zu erscheinen vermag, vom Begriff des Wutbürgers kritisch zu beleuchten. Es soll untersucht werden, inwiefern der Wutbürger noch als Bestandteil der politischen „Linken“ zu begreifen ist (was sich in Manifesten wie „Empört Euch!“ oder „Der kommende Aufstand“ ausdrücken könnte), vor allem aber geht es darum zu zeigen, dass der Wutbürger, scheinbar ganz „postideologisch“ über die radikale Linke hinausgeht und ihr die gesellschaftliche Avantgarderolle streitig macht, was sich in der Herausbildung immer neuer Parteien und Vereinigungen ausdrückt, die gleichzeitig immer weniger Bestand zu haben scheinen. Zu untersuchen ist weiterhin der Antisemitismus, der sich notwendigerweise aus der wutbürgerlichen Fixiertheit auf das Geld ergibt, sowie die Zwanghaftigkeit, mit der Wutbürger auf Israel als Feind zu sprechen kommen. Schließlich wäre zu diskutieren, inwiefern der Wutbürger als „antiautoritärer Charakter“, der außerhalb der eigenen Borniertheit keine Wahrheit, keine Instanz und keine Sachautorität mehr kennen will, sich vielleicht doch insgeheim nach „politischer Führung“ und einer übergeordneten Instanz sehnt, die seine Wahnvorstellungen in die Tat umsetzt.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

11 Antworten zu Materialien zur Kritik des Wutbürgers

  1. Helyes schreibt:

    Dieser Beitrag hier ist an zusammengewürfelter Stimmungsmache und gezielter Manipulation nicht mehr zu überbieten.
    Imponiert hat mir nur die gänzlich abhanden gekommene „Sachautorität“ des Schreibers, der hier von Demokratie redet, die es angeblich im Lande gibt. Da hilft auch nicht, dass Sie die Tagesthemen aufzählen können und versuchen Zusammenhänge herzustellen..
    Einer ganzen Generation Borniertheit und Sehnsucht nach einem Führer zu unterstellen ist sowas von daneben gegriffen, dass es schon wieder bemerkenswert ist.

    Vielleicht handelt es sich bei der so betitelten Generation auch um Menschen mit Erfahrungen und in längerer Lebenszeit erworbenen Kenntnissen (wie Sie richtig erkannt haben)!! Hier Wahnvorstellungen zu unterstellen ist dann der Knaller. In welcher Welt lebt denn der Verfasser dieses Artikels ?
    Die ganze Absonderung zeugt von überheblicher Uninformiertheit über die gescholtenen Generation und dessen, was Literatur hergibt.
    Auch ein Sammelsurium von Hinweisen, die Ihre Ansicht stützen, kann hier nicht überzeugen.
    Sie verlieren sich im „Klein-Klein“ und haben keinen Blick für die Zusammenhänge, die die Sache auf den Punkt bringt.

    Es ist doch nicht schwer, die gezielte Meinungsmache, das gelenkte Kultursterben, die neuen gezielten Verblödungen der jungen Generation von bestimmten Einflussnehmern zu durchschauen. Und unterstellen Sie mir keine Wahnvorstellungen – ich bin sowas von geistg gesund, dass Sie Mühe haben da mitzuhalten.

    Machen Sie sich erst einmal kundig über den „Istzustand“ des vereinigten Wirtschaftsgebietes BRD, (GG Art,133) bevor Sie hier so große Töne spucken. Und dann reden wir wieder über Freiheit und Demokratie. Ein wenig Weltgeschichte und deren Zusammenhänge wäre auch von Vorteil (es genügen nicht die aktuell in den Medien hochgepushten Themen)
    Danach können wir auch über „Wutbürger“ diskutieren und die bedauerlichen Zustände unseres gesunkenen Bildungsniveaus.
    Immer schön der Reihe nach, dann kommen wir auch zum Kernproblem. Da sind Schreiber wie Sie inbegriffen !

  2. peter parker schreibt:

    „Es ist doch nicht schwer, die gezielte Meinungsmache, das gelenkte Kultursterben, die neuen gezielten Verblödungen der jungen Generation von bestimmten Einflussnehmern zu durchschauen.“
    OMFG! this is hilarious.

  3. JL. schreibt:

    Zwei von mir gepostete Beiträge auf dem ADF Forum:
    Einmal zur Situation in den USA: http://adf-berlin.net/upload/index.php/topic,3597.30.html ( das letzte Posting )
    Einmal zur „Piraten-Partei“: http://adf-berlin.net/upload/index.php/topic,3604.msg27204.html#new
    Ich hoffe das wird Euch in irgendeinem Masse hilfreich sein bei Eurem Vorhaben.

    Greetings,
    Euer Analytics

  4. kritik schreibt:

    Wenn schon Hamburg als „Geburtsort“ des Wutbürgers, warum denn dann nicht Schill vor? Überhaupt scheint mir das ziemlich phänomenologisch argumentiert aber nicht gesellschaftlich analysiert: Der „wildgewordene Kleinbürger“ (Lenin) ist doch keine neue Erscheinung. Nur weil Teile der Medien dafür ein neues Wort geschaffen haben, ist das doch kein Nachweis, dass hier ein qualitativer (oder quantitativer) Sprung vorliegt, der einen neuen Gegenstand und damit eine neue Begriffsklärung notwendig macht.

  5. JL. schreibt:

    Er war keine neue Erscheinung in der im Untergang sich befindlichen bürgerlichen Epoche Ende des 19. Anfang des 20 Jhd. Aus Lenins Kleinbürger wurde dann aber mit dem endgültigen Untergang der besagten Epoche während der Herrschaft des NS der Volksgenosse, bzw. Kollaborateur und Profiteur der Nazibesetzung im Ausland ( hierin glichen sich Hitler und Bonaparte – was der eine als „Weltgeist zu Pferde“ mit dem Code Civil begann vollendete der Andere als Ungeist auf dem Champ Elysee mit Vernichtungskrieg und Auschwitz, eine wahrlich gelungene französisch-deutsche Koproduktion. ). Was aber wird aus der post-modernen Form des Kleinbürgers und wie ist diese Charektermaske überhaupt beschaffen unter heutigen Bediengungen? Das ist der Inhalt der angekündigten Analyse.

  6. JL. schreibt:

    Wutbürgertum auf Französisch: http://www.spiegel.de/schulspiegel/ausland/0,1518,802263,00.html

    … das wird immer unheimlicher

  7. kritik schreibt:

    Okey, aber zu einer Formenanalyse von Charaktermasken nebst Ideologie gehört aber auch, ohne daraus eine Ableitung zu machen!, eine historisch-materialistische Einordnung. Damit meine ich nicht eine rein historische Herleitung auf der Formenebene, die nämlich sonst die Tendenz zum Ideologie-Memory hat: Der oft verwendete Versuch der Aufzeigung eines Entwicklungszusammenhanges zwischen Hitler und Napoleon kann dafür als Beispiel herhalten. Richtig ist an dem von dir gebrachten Beispiel das sie beide Momente der selben Ideologiegeschichte sind und der Bonarpartismus sozial-strukturell, schematisch verkürzt und teleologisch betrachtet, ein Art „Vorgänger“ des NS ist (Vergleiche dazu z. B. Thalheimer u.a.). Damit es aber nicht zu dem o.g. phänomenolgischen „Ideologie-Memory“ kommt („Erscheinungsformen von Ideologien werden der Ähnlichkeit nach sortiert“), bedarf es der historisch-materialistischen Erdung um es, mit Marx über Hegel zu sagen, „vom Kopf auf die Füße zustellen: Nur die Einordnung in den Entwicklungsprozeß und Zusammenhang der bürgerlichen Klassengesellschaft macht die Entwicklung hin und die Kategore des Wutbürgers erklärbar und so erst (praktisch) kritisier und angreifbar.

  8. abgwb schreibt:

    Es ist durchaus kein Zufall, sondern Absicht, dass wir dieses uns besonders wichtige Thema zur Diskussion stellen und keinen fertigen, allumfassenden Text vorlegen, weil dieser Anspruch weit über das hinausgeht, was unser kleines Aktionsbündnis zu leisten imstande ist. Dieser Text bleibt tatsächlich auf der phänomenologischen Ebene, allerdings bitte ich zu berücksichtigen, dass es sich nicht um eine Analyse, sondern um eine Art Einleitung handelt, die aufgreift, wie der Begriff in den Sprachgebrauch übergegangen ist und welches Phänomen er beschreiben soll. Die historische Entwicklung „Vom Revolutionär zum Wutbürger“ ist dabei weniger Gegenstand der Betrachtung als vielmehr die Frage, warum der Wutbürger eben kein Revolutionär sein kann. Diese Frage ist z.B. für die oft ausgesprochen geschichtsoptimistische Betrachtung der Arabellion von Belang, die ganz offenbar von vollkommen falschen Voraussetzungen ausgeht.

  9. JL. schreibt:

    Es geht um die heutige Situation – die zwar in der Vergangenheit begründet liegt, aber es ist eine Binsenweisheit darauf aufmerksam zu machen. Genau wie abgwb schon sagte, es handelt sich um ein Phänomen welches zwar in der Vergangenheit begründet liegt, aber so wie es sich derzeit darstellt ( ! ) neu ist.

  10. Darla schreibt:

    Eine „gut organisierte Minderheit relativ wohlhabender Bürger“ konnte sich bei der Hamburger Volksabstimmung durchsetzen, weil es „keine bürgerlichen Gegenkräfte“ gab? Weil echte Bürger bekanntermaßen stets erpicht darauf waren, auf ihr Klassenprivileg zu verzichten und ihre Kinder mit den Proletenkindern zusammen lernen zu lassen? Lustige Welt, in der ihr lebt.

    Bei dem israelsolidarischen Menschen, der in Hamburg geschlagen wurde, handelt es sich, den einschlägigen antiimperialistischen Websites zufolge, übrigens um den gleichen, der in einem früheren Post auf dieser Seite als „im Zerfall begriffenes Subjekt“ bezeichnet wurde, das angesichts seiner durch „gruseliges Aussehen“ unterstrichenen „Todessehnsucht … sich nichts sehnlicher wünscht“, als „das Ende der eigenen kläglichen Existenz endlich herbeizuführen“ und dabei „die anderen Subjekte auch untergehen zu sehen“. Tempora mutantur, et nos mutamur in illis. Oder hat der Schläger vielleicht aus den falschen Gründen das richtige getan?

  11. abgwb schreibt:

    Fast wäre man versucht gewesen, einen solchen denunziatorischen Beitrag zu löschen, aber warum sollte man. Denn die zwei Dinge

    1. Die Kritik am Gerede über den „Subjektverfall“ ist mehr als berechtigt.
    und
    2. Jedem Opfer antisemitischer Schläger gilt Solidarität.

    werden auf doch reichlich durchsichtige Weise assoziativ verknüpft, um daraus eine haltlose Unterstellung zu basteln, weil man für das Gerede vom Subjektverfall partout keine Argumente vorzubringen hat. Das ist natürlich sehr schade. Aber weitere solche absichtsvolle Lügen werden hier nicht publiziert. Dafür kann man ja mit Bernhard Schmid eine Aktionsgruppe bilden.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s