No Escape from Afghanistan

Während die Afghanen durch ihre gewaltsame Reaktion auf die Missachtung der Recyclingordnung durch das amerikanische Militärpersonal zeigen, dass mit ihnen „Freiheit und democracy“ nicht zu machen sind, dokumentieren die Reaktionen der Vertreter des sogenannten freien Westens, von Präsident Obama bis zum niedersten Lohnschreiber für Spiegel online, dass sie ihrerseits keineswegs gewillt sind, dergleichen einzuführen. Die Rede von der Freiheit, die „am Hindukusch verteidigt“ werde und die Alternative zur islamistischen Barbarei darstelle, die manchem allzu leicht und affirmativ über die Lippen kam, war schon immer hohl, da sie auf der Fehlannahme basierte, der Islam und somit der Orient seien „das Andere“ des Westens und nicht dem Spätkapitalismus entsprungene Gesellschaftsformen. Nun, da nur noch darüber diskutiert wird, wie man aus Afghanistan abziehen kann, ohne allzu deutlich zu sagen, dass man auf die Zukunft des Landes einen Dreck gibt, hat diese Rede sich endgültig als Wunschdenken entlarvt, nachdem sie den kritischen Gehalt, den sie nach 9/11 hatte, ohnehin längst verloren hat. Die „Verteidigung des Westens“ als Kapitalismus mit menschlichem Antlitz ist längst dort angekommen, wo akademisches Gefasel jeden Gedanken verdirbt – die „Verteidigung des Westens“ wird zur Verteidigung des Anrechts jeder Lebensform auf ein Promotionsstipendium.

Anstatt den Afghanen den Vogel zu zeigen, wenn sie sich über die Entsorgung nutzloser Bücher echauffieren, wird nicht nur die islamistische Sichtweise eins zu eins übernommen, wenn von „Koranverbrennungen“ oder gar von „Koranschändungen“ die Rede ist – ein Muster, das man keineswegs nur aus der deutschen Geschichtsschreibung kennt, in der das Mordkollektiv mit dem „Schanddiktat von Versailles“ oder der wahrscheinlich durch „unverantwortliche Finanzjongleure“ ausgelösten Weltwirtschaftskrise exkulpiert wird (wie gerade erst Gregor Gysi bewies, als er im deutschen Bundestag erklärte, dass Griechenland kein Versailles, sondern einen Marshall-Plan benötige). Sondern es wird sich sogleich eilfertig beim Präsidenten und beim ganzen afghanischen Volk entschuldigt, obwohl das gar nichts davon wissen will, sondern nur einen Anlass zum Lynchen sucht. Es ist sonnenklar, dass jemand, der sich fortwährend entschuldigt und seine „interkulturelle Kompetenz“ durch permanente Rücksichtnahme auf die Befindlichkeiten von Bartträgern zum Ausdruck bringt, niemanden davon überzeugen kann, dass er den Menschen eine bessere Alternative anzubieten hätte.

Mit einem Westen, der aus Rücksicht auf Barbaren darauf verzichtet, das wenige überhaupt noch darzustellen, was den „Menschen in Afghanistan“ (G.Schröder) zu der Einsicht verhelfen könnte, sich nicht von einer Mordbande mit Koran und Kalaschnikow drangsalieren zu lassen, kann es von vornherein nicht weit her sein. Der Einsatz beweist in seinem kolossalen Scheitern, dass die Etablierung besserer Verhältnisse in Ländern wie Afghanistan nicht von Ländern ausgehen kann, in denen Bürgerlichkeit selbst kaum noch existent ist und zur Wutbürgerlichkeit zerfällt. So wirkte der Vorschlag des Verteidigungsministers de Maziere, einen Heldengedenktag für die deutschen Soldaten zu etablieren, nur scheinbar absurd. Der Versuch, die stupide Existenz durch ein demokratiestiftendes Stahlgewitter in Afghanistan aufzupeppen, muss angesichts der offensichtlichen Vergeblichkeit des Unterfangens, der den ausländischen Truppen dort entgegenschlagenden Feindseligkeit und der unmittelbaren Gewalterfahrungen, in der Erfahrung vollendeter Sinn- und Hoffnungslosigkeit münden. Diese darf aber um keinen Preis reflektiert werden, weil Traumatisierung und Lebensunfähigkeit die Konsequenzen sind. Die öffentliche Feier der Kriegshelden für ihren angeblichen Einsatz für Demokratie und Menschenrechte soll selbst dem gewaltsamen Tod noch einen höheren Sinn verleihen.

Der Impuls, dem Militäreinsatz in Ländern wie Afghanistan etwas positives abgewinnen zu wollen, liegt in dem berechtigten Ekel vor denjenigen begründet, die in der operativen Entfernung (ohne Betäubung) der Nasen unbotmäßiger Afghaninnen vermutlich nur die Kehrseite der endemischen Schönheitsoperationen an ihren westlichen Geschlechtsgenossinnen erkennen wollen. Letztendlich, so lautet das Argument, gehe uns das nichts an, die Afghanen müssten dies unter sich regeln und überhaupt könne Veränderung nur von innen kommen. Diese Rede reflektiert, was aus ökonomischer Perspektive ohnehin unmittelbar evident ist, auch wenn ihre Proponenten immerfort Pipelines oder Bodenschätze ausmachen, um ihre Sichtweise als antikapitalistisch kostümieren zu können: Dass Afghanistan und die Afghanen allerhöchstens einen Nutzen für die globale Opiumversorgung haben. Wie viele Kinder dort das Erwachsenenalter erreichen und ob die Frauen dort gleichberechtigt mit dem Manne sind, ist deswegen gleichgültig, weil es nicht nur auf den Einzelnen als Subjekt kapitaler Verwertung dort nicht mehr ankommt, sondern weil das ganze Land und die gesamte Bevölkerung nicht benötigt werden. Da ist es unerheblich, welche Warlords den Opiumhandel kontrollieren und ob Frauen im Business mitmischen dürfen.

Während also die linke Forderung „Raus aus Afghanistan!“ ganz realistisch, wenn auch affirmativ diesen Zusammenhang erfasst und widerspiegelt, so erweisen sich die Befürworter „humanitärer Interventionen“ als die wahren Idealisten. Egal wo in der arabischen Welt mehr Freiheit gefordert oder gegen irgendeinen Machthaber protestiert wird, wollen sie ein revolutionäres Subjekt und den Ausdruck einer universellen Freiheitsliebe der Menschen erkennen, obwohl nichts unrealistischer erscheint, als die Zivilisierung der durch das Kapital als überflüssig gesetzten Subjekte, insbesondere in den im Zerfall befindlichen Staaten der islamischen Welt. Was in diesen Ländern, deren Bedeutung für die globale Ökonomie marginal ist, an die Stelle autoritärer und zentraler Herrschaft nur treten kann, ist genau das, was man in Afghanistan und dem Irak bereits beobachten kann und was auch Syrien, Ägypten und Libyen blüht: Die Herrschaft der Rackets. Wer wider jede Evidenz in den sich bezeichnenderweise nach den Freitagsgebeten zusammenrottenden Massen etwas anderes erkennen will, als Vertreter einer durch Abwesenheit von Öffentlichkeit und kapitalproduktiver Ökonomie noch potenzierten wutbürgerlichen Gegensouveränität, der sitzt wahrscheinlich dem Grundirrtum auf, dass diese Gesellschaften rückständige, das heißt also sich in Richtung eines positiv bestimmten „Fortschritts“ bewegende, seien. Naheliegender ist die Vermutung, dass es sich bei diesen Gesellschaften um bereits fortgeschrittene handelt, die den Weg in pure Gewaltherrschaft, Zerfall staatlicher Institutionen und damit in die Barbarei bereits vorzeichnen, der den auf diesem Weg noch zurückgebliebenen Staaten noch bevorsteht.

Das vor diesem Hintergrund absurd wirkende Unterfangen, die Republik westlichen Vorbildes zu exportieren und humanitäre Interventionen durchzuführen, das sich in der gar nicht einmal unberechtigten Frage ausdrückt, wo man denn dann noch alles intervenieren solle, weicht dem Pragmatismus abgeriegelter Grenzen, vereinzelter Militärstützpunkte und Strafexpeditionen, die immer dann durchgeführt werden, wenn die Rackets frech werden und die noch zivilisierte Welt mit Terroranschlägen, Raketen oder sonstigen Unannehmlichkeiten behelligen. Solange dies nicht der Fall ist, dürfen sie in ihren Freiluftgefängnissen dahinvegetieren und sich gegenseitig massakrieren, weil dies nun einmal Bestandteil ihrer Kultur sei, über die man sich praktischerweise nicht erheben dürfe. Dies hat den unschätzbaren Vorteil, die Verantwortung für das, was in Afghanistan passiert, einerseits den raumfremden Aggressoren unterschieben zu können, andererseits den Rückzug, der das Schicksal aller Afghanen besiegelt, die nicht unter dem Schreckensregime der Taliban leben möchten (so wenige dies auch sein mögen), nicht nur zu legitimieren, sondern moralisch geboten erscheinen zu lassen. Das klingt viel freundlicher als das doch etwas harsche Verdikt der Rassisten, dass der Araber an und für sich nun einmal ein fauler Sack sei, wodurch er sich das Elend seiner Gesellschaft selbst zuzuschreiben habe. Im Kulturrelativismus dagegen wird die edelmütige Anerkennung der Andersartigkeit des Wilden aufs schönste mit der lustvollen Selbstanklage verbunden, schuldig an der Armut der 3. Welt zu sein. Daraus ergibt sich wiederum für die sich gebildet und kultiviert Dünkenden die Möglichkeit, aus dem gleichförmigen Leben an Orten wie Bremen zu entkommen und als Entwicklungshelfer in Kabul oder Ramallah Abenteuer zu erleben, ohne sich der verhassten Armee anzuschließen. Sie übernehmen die Rolle der Gefängniswärter, die dafür sorgen, dass es im Freiluftknast wenigstens gelegentlich eine Mahlzeit und medizinische Versorgung gibt.

Dass die Forderung nach der Gleichheit aller Menschen deren gleiche Gültigkeit und damit Gleichgültigkeit zwar notwendigerweise bereits bedeuten muss, aber gerade das Gegenteil bedeuten soll, nämlich die gleiche Wichtigkeit jedes Menschenlebens, ist der tiefere Grund des um sich greifenden Wahnsinns der Subjekte. Je weniger es auf sie ankommt und desto weniger sie noch bedeuten, desto stärker ertönt der Ruf, nur niemanden zu vergessen und aufzugeben, ganz so als stünde dies noch zur Debatte. Das, was einst noch als „konformistische Rebellion“ gelten konnte, ist heute nur noch der Aufstand gegen die letzten Restbestände von Glück, Vernunft und Wohlstand sowie jedweder Idee einer positiven Veränderung. Bei allen berechtigten Einwänden gegen die Anmaßung einiger westlicher Protestbewegungen, sich auf den „arabischen Frühling“ zu beziehen, werden doch die Unterschiede systematisch überschätzt. Was dem einen der sorgsame Umgang mit abgegriffenen Buchausgaben ist, ist dem anderen die Liebe zum präfaschistischen Bahnhofsungetüm. Dies ist zugleich der Grund des tiefen Verständnisses, mit dem man hierzulande auf den afghanischen Zorn auf die unsensiblen Amerikaner reagiert. Die Möglichkeit individuellen Glücks, wie sie z.B. im amerikanischen Traum angelegt ist, wird durch das kollektive Unglück durch die kollektive Herrschaft Gleicher über Gleiche restlos entsorgt. Notwendigerweise muss hierbei der Reichtum ins Visier geraten, der nicht eingefordert, sondern restlos abgeschafft werden soll, da im Reichtum die Möglichkeit des Glücks noch erscheint. Seinen Ausdruck findet dies in der eliminatorischen Parole „Eine Welt ohne 1% ist nötig“, die nichts als die westliche Entsprechung des islamistischen Slogans „Ihr liebt das Leben und wir lieben den Tod“ bedeuten kann. Das Streben nach Identität mit sich und der Gemeinschaft der Unfreien ist also das nach Tod und Vernichtung.

Die traumatisierende Erfahrung, die Soldaten und Entwicklungshelfer machen, wenn sie Orte wie Afghanistan besuchen, liegt weniger in den elenden Verhältnissen begründet, die dort herrschen, sondern im Vorschein darauf, was ihnen auch noch blüht. Thomas de Maziere irrt also, wenn er glaubt, seine Soldaten durch Anerkennung und Gedenken stärken zu können. Die Erkenntnis, die die Soldaten, zurück im scheinbar freien Westen, traumatisieren muss, ist die, dass es aus Afghanistan kein Entkommen gibt.

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2 Antworten zu No Escape from Afghanistan

  1. Da Kir schreibt:

    Ich hab hier schon bessere Artikel gelesen.
    „(…) der das Schicksal aller Afghanen besiegelt, die nicht unter dem Schreckensregime der Taliban leben möchten (so wenige dies auch sein mögen)“ – So wenige dies auch sein mögen? Ist das ein Scherz oder ungelungene Ironie? So wenige auch ernsthaft unter den Taliban leben wollen? Hat der Autor dieses Artikel eigentlich einen blassen Schimmer wieviele Afghanen schon abgehauen sind, weil sie unter diesem „Schreckensregime“ nicht leben wollen/können?

  2. abgwb schreibt:

    Man müsste doch davon ausgehen, dass jeder Afghane und überhaupt jeder Mensch sich den Taliban und ihrer Herrschaft entgegenstellen müsste. Dass es die Taliban gibt und dass sie in Afghanistan solchen Einfluss ausüben, liegt nicht zuletzt darin begründet, dass sie viele offene und verdeckte Unterstützer haben und nur so wenige sie bekämpfen. Da selbstredend keine Einschätzung zur Anzahl der Afghanen gegeben wird, die Anhänger oder Gegner der Taliban sind, ist von wenigen in dem Sinne die Rede, dass sich alle Afghanen gegen die Taliban empören müssten.

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