Bremer Zustände V – Wahn und Wirklichkeit

Zur Illustration seines erkenntnistheoretischen Konstruktivismus verwendete Paul Watzlawick das Gleichnis vom Seemann, der im tiefen Nebel durch eine unbekannte Meerenge fährt: Gelingt es ihm, sicher durch die Meerenge zu steuern, so hat er über die Meerenge nichts erfahren oder gelernt. Läuft er jedoch auf Grund, so kann er sagen, wo sich eine Untiefe, ein Riff befindet. Nur im Scheitern der Konstruktionen, die der Mensch sich von der Wirklichkeit macht, kann er über sie Erkenntnis erlangen.

Diese Sicht der Dinge muss in Anbetracht der verkommenen spätkapitalistischen Subjekte, die sich „Linke“ nennen, eindeutig als viel zu optimistisch zurückgewiesen werden. Denn was die Linke jenseits aller Streitigkeiten eint, ist ihre bedingungslose Liebe zur etatistischen Krisenlösung, deren Scheitern in den Jahren 2008 ff. jeder beliebige Blick in jede beliebige Zeitung jeden Tag zeigt, was sie nicht davon abhält, wider jede Evidenz immer mehr davon zu propagieren. In kompletter Verkennung der Tatsachen unterstellt Watzlawick den heute als Zombies mit menschlichem Antlitz auftretenden Kapitalsubjekten, sie verhielten sich wie naive Empiristen, deren Konstruktionen das Ziel hätten, die Welt wirklichkeitsgetreu abzubilden, was geradezu eine absurde Vorstellung ist. Vielmehr verhält es sich so, dass der Wutbürger desto wahnhafter an seinen Konstruktionen festhält, je weniger sie mit der Realität übereinstimmen. Wer das nicht glaubt, der gönne sich das Vergnügen, z.B. mit Stuttgarter Parkschützern die Vorzüge eines modernen Durchgangsbahnhofs und einer gleisfreien Innenstadt zu diskutieren.

Wäre es dagegen so, wie Watzlawick annimmt, dann müsste es z.B. seit den Zeiten von Adam Smith, Karl Marx oder John Maynard Keynes signifikante Fortschritte in Disziplinen wie der Nationalökonomie oder der Kritik der politischen Ökonomie geben. An Möglichkeiten, das Scheitern von Annahmen, Konzepten und Konstrukten zu beobachten, hat es am allerwenigsten gemangelt. In seiner Analogie verkennt Watzlawick, dass das Scheitern von Annahmen über die Wirklichkeit eben nicht notwendig zu deren Revidierung führen muss, sondern dass es vielmehr auch noch eine zweite Möglichkeit gibt: Den Wahnsinn. Die Idee, man habe es mit einer verdrehten Welt zu tun, in der die normalen Menschen als wahnsinnig und die Wahnsinnigen als normal gelten, kommt einem des öfteren. Allerdings scheint es so zu sein, dass sich die Schreibtherapie heute auf breiter Front durchgesetzt hat. Wer heutzutage einen Knacks hat, der legt sich nicht auf die Couch, der legt keine Bomben mehr in Gemeindehäuser, sondern publiziert – nicht nur in den zahllosen Weblogs, sondern auch in selbst herausgegebenen Blättern.

Allerdings hat nicht jeder die Möglichkeit, die Resultate solcher Selbsttherapie so großflächig unter das Volk zu bringen wie der doppelte Berufssohn Jakob Augstein, an dessen panischer Angst vor einer Auschwitzkeule sich sowohl die These von der biologischen als auch der durch Erziehung und Prägung indizierten Vererbbarkeit des Wahns vortrefflich illustrieren ließe. Der bekannteste Bremer Antisemit, der „Journalist und Autor“ Arn Strohmeyer, folgt ganz demselben Wahn, dem Linke von Kunzelmann bis Augstein anhingen und anhängen. Für sie folgt ihre zwanghafte Beschäftigung mit Israel aus ihrer besonderen historischen Verantwortung „als Deutsche“ für Vernichtungskrieg und Shoah, also aus ihrem identitären Bekenntnis zum Kollektiv der Mörder. Da es ihnen nicht gelingt, diese Identität anzugreifen, ist es ihnen auch nicht möglich, von der Judenfrage zu lassen, sondern sie müssen sie zur „Israelfrage“ transformieren. Das ermöglicht ihnen, vordergründig neben dem mindestens genauso schlimmen allgemeinen Rassismus und Nationalismus natürlich auch den Antisemitismus zu verurteilen und sich betroffen zu zeigen, wenn irgendwo mal wieder ein jüdischer Friedhof geschändet wird. Rassisten sind aber, wie sie zu ihrer großen Erleichterung bemerken, nicht nur die Deutschen, nicht nur ihre Vorväter gewesen, sondern Diskriminierung gibt es überall auf der Welt, mit Sicherheit auch in Israel. Der schwere Knacks, den Augstein, Strohmeyer und Co. erlitten haben, weil sie zum Kollektiv der Mörder gehören und von Nazis abstammen, lässt sich an Israel im mehrfachen Sinne ideal therapieren. Einerseits entlastet der Kampf gegen vermeintliches Unrecht und natürlich gegen Krieg und Waffenlobby das eigene Gewissen bis hin zu einem penetranten moralpazifistischen Herrenmenschentum, aber andererseits kann nur der Verweis auf die Untaten Israels die Untaten der Deutschen gleichzeitig relativieren, ohne dass man in die Gefahr gerät, als Revisionist dingfest gemacht zu werden. Denn wer publizistisch auf dem Feld der „Israelkritik“ tätig ist, hat nicht nur nicht die geringsten Sanktionen zu befürchten, sondern kann trotz offenkundiger Verrücktheit als geachtetes Mitglied der Volksgemeinschaft gelten.

An niemandem lässt sich dies so gut demonstrieren wie an Arn Strohmeyer, der Lesern dieses Blogs hinlänglich bekannt sein dürfte, ebenso bekannt dürfte sein, dass er darauf beharrt, nicht in ehrverletzender Weise in die Nähe des Nationalsozialismus gerückt zu werden und das Aktionsbündnis gegen Wutbürger wegen Beleidigung angezeigt hat. Das sollte aber niemanden davon abhalten, aufzuzeigen, warum diese Nähe bei Strohmeyer praktisch aus jedem Satz einen anspringt, warum es also gar nicht möglich ist, von Strohmeyer zu reden und vom Nationalsozialismus zu schweigen. Denn zu seinen Motiven, aus denen er ein so kritischer Autor und Friedensaktivist geworden ist, schreibt er auf seiner Homepagei:

Drei wichtige Erfahrungen haben mich geprägt: Meine Teilnahme als „Mitläufer“ an der 68er Bewegung, meine intensive Beschäftigung mit Philosophie und Literatur (Lieblingsautoren: Goethe, Hölderlin, Stefan Zweig, Thomas Mann, Thomas Wolfe, Nikos Kazantzakis, Henry Miller, Jack Kerouac, Günter Grass u.a.) sowie meine Reisen nach Griechenland – die erste 1967. Aus der Zeit der Studentenrevolte habe ich mir den kritischen Blick auf die Geschichte und die Politik und ein Ideal von „bürgerlicher Aufklärung“ bewahrt. Die „kritisch-historische Methode“ habe ich in vielen meiner Texte angewandt, vor allem denen, die sich mit der NS-Zeit beschäftigen. Dass mein Vater ein prominenter Journalist und Blut- und Bodenautor im Dritten Reich gewesen ist, war sicherlich ein wichtiger Anstoß, mich so intensiv mit dieser Zeit zu beschäftigen.

Nachdem Strohmeyer eine solche Phase der Gewissenserforschung erfolgreich hinter sich brachte, wandte er sich neuen Themen zu, zunächst Griechenland, aber in neuerer Zeit hat er vor allem Israel und natürlich die Palästinenser für sich entdeckt:

In der letzten Zeit habe ich mich einem ganz neuen Themenbereich zugewandt, der mich als politischen Journalisten schon immer interessiert hat: dem Nahen Osten. Seine Geschichte ist eng mit der unseren verknüpft. Israel hat seinen Staat erkämpft, aber die Palästinenser waren als Volk die Leidtragenden und sind es noch heute. Sie verloren ihr Land und ihre Gesellschaft wurde zerstört. Ihnen blieb verwehrt, was die Israelis seit über 60 Jahren besitzen: souveräne Staatlichkeit. Ein gerechter Frieden zwischen Gleichen dort muss in unser aller Interesse sein. Die Lösung dieses nun schon so lange anhaltenden Konflikts kann nur auf der Basis von Völkerrecht und Menschenrechten stattfinden. Wer das mit Antisemitismus verwechselt, bringt sich selbst in Beweisnot – nicht die Menschen, die sich für die Schaffung eines gerechten und humanen Friedens im Nahen Osten einsetzen.

Man kann förmlich spüren, wie tief der Stachel bei ihm sitzt, der Sohn eines Blut- und Bodenautors zu sein und woher sein Interesse für einen „ganz neuen Themenbereich“ tatsächlich rührt: Aus der „engen Verknüpfung“ der Geschichte des Nahen Ostens und insbesondere Israels mit der deutschen – einer der hässlichsten Euphemismen, der je für den organisierten Massenmord an 6 Millionen Juden gefunden wurde. Offensichtlich handelt es sich nicht um einen „neuen“ Gegenstand seines Wirkens, sondern eben um den, an dem sich der erlittene Knacks besonders trefflich therapieren lässt, also um einen, dem nicht er sich „zugewandt“ hat, sondern dem er sich, ganz wie sein Lieblingsautor Günter Grass, widmen „muss“. Das klingt dann, am Beispiel des jüngsten Gaza-Konfliktes, meist in etwa so:

Natürlich ist ein Waffenstillstand, wenn er denn zustande kommt und eingehalten wird, zu begrüßen, weil er viel menschliches Leid verhindern kann. Aber er wird – wieder einmal – an den Realitäten im Nahen Osten nichts ändern. Sie umzukrempeln in Richtung Frieden wäre die eigentliche Aufgabe.

Man merkt schon, dass es da einer wissen will: Die „Realitäten“ im Nahen Osten sollen geändert werden, und ein Waffenstillstand, der menschliches Leid verhindern kann, ist nicht uneingeschränkt zu begrüßen. Man kann bereits am verräterischen „Aber“, das sich scheinbar durch einen vorhergehenden Punkt tarnt, erkennen, was Paul Spiegel bereits wusste: „Hinter dem Ruf nach Frieden verschanzen sich die Mörder“. Denn das, was Strohmeyer sich da herbeiwünscht, das Umkrempeln der Realitäten des Nahen Ostens, läuft natürlich auf die Unterminierung der Verteidigungsfähigkeit und damit auf die Vernichtung Israels hinaus. Da das so friedlich nicht wäre, muss natürlich immer auf der oberflächlichen Ebene die Aggression Israels gegeißelt werden, selbst wenn es keine Aggression ist, wogegen Taten der Palästinenser, bei denen ganz im Sinne von Strohmeyer Senior das Judenblut vom Messer spritzt, kleingeredet werden:

Es ist in den meisten deutschen Medien alles so einfach: Die „Terroristen“ haben wieder einmal losgeschlagen und das friedliche Israel angegriffen. Die Menschen dort „zittern in ihren Unterständen um ihr Leben“. Israel ist wieder einmal das „Opfer“ und macht nur von seinem „Verteidigungsrecht“ Gebrauch. Es wird erneut „gezwungen“, „Krieg“ zu führen, um sein Überleben zu sichern. Wer spricht eigentlich von den Leiden der Menschen in Gaza? Nur merkwürdig: der Gegner dieses „Krieges“ hat gar keine Armee, keinen einzigen Panzer, keinen einzigen F-16-Bomber oder Apache-Hubschrauber, besitzt nur ein paar primitive Raketen ohne Leit- und Zielsysteme, von denen die meisten noch von der israelischen Abwehr abgefangen werden.

Der bereits zu Beginn des Textes angedeutete Vernichtungswunsch wird hier nun expliziert: Jammerschade, dass die Hamas nur über „ein paar primitive Raketen“ verfügt, also das Geschäft des Judenmordes mit weit geringerer Effizienz vollziehen kann, als die von Strohmeyer Senior angestachelten braunen Horden damals. Die Verzweiflung, es mit einem Gegner zu tun zu haben, der sich diesmal nicht zur Schlachtbank führen lässt und dem man nicht mit überlegener Militärtechnik durch ganz Europa folgen kann, sondern der die Dreistigkeit besitzt, sich diesmal zu wehren, ist mit Händen zu greifen. Armee, Panzer, Bomber oder Hubschrauber – all das haben die Juden, nichts davon die armen Terroristen. Wie sehr ein solcher Wahn zur Ausblendung der Tatsachen führt, zeigt sich daran, dass er die „meisten deutschen Medien“ ganz absichtsvoll mit einigen wenigen Blättern aus dem Springerverlag verwechselt, die tatsächlich über das Leid der Menschen in Israel berichten. Was demgegenüber in der Tagesschau oder in den selbsternannten Qualitätszeitungen stattfand, war das glatte Gegenteil, Raketen auf Israel wurden nicht berichtet, Eskalation war immer nur dann, wenn Israel etwas gegen die Raketenangriffe unternahm. Es ist aber so, dass derjenige, der sich an Israel publizistisch zu therapieren trachtet, die Wirklichkeit nicht wahrnimmt, sondern im Sinne seiner Wahnvorstellungen solange zurecht biegt, bis das herauskommt, was herauskommen soll. Und was das ist, ist klar: Die Juden sind die neuen Nazis. In Strohmeyers Worten klingt das so:

Das Ganze (etwa, wenn in Jerusalem die Alarmsirenen heulen) entpuppt sich als großer Bluff, den Israels Regierungschef Netanjahu braucht, um die bevorstehenden Wahlen zu gewinnen. Das war mit dem Überfall auf Gaza 2008/09 genauso. Das Etikett eines erfolgreichen Feldherrn fehlt Netanjahu noch, um sich als der unumstrittene Führer Israels darzustellen. Aber wie kann man von Verteidigung sprechen, während man den einen Teil Palästinas (das Westjordanland) besetzt hält und dort jeden Tag Land stiehlt, das einem nicht gehört und gleichzeitig den anderen Teil (den Gazastreifen) genauso völkerrechtswidrig seit sechs Jahren militärisch völlig blockiert und abgeriegelt hat – zu Lande, zu Wasser und in der Luft?

Netanjahu wird hier zum Gröfaz, der zwar (noch?) Wahlen gewinnen müsse, aber mehr und mehr zum „unumstrittenen Führer“, also zum Wiedergänger Hitlers, werde. Nun, da der Gegner also markiert ist, kann zurückgeschossen werden, und verteidigen darf sich Israel natürlich nicht, denn es ist ja der Aggressor. Bekannt ist bereits die Parole vom Landraub, den Israel angeblich betreibe, wobei natürlich oft angemerkt wurde, dass es sich um umstrittene Gebiete handele und dass man Land gar nicht rauben könne, was die Israelhasser natürlich nicht beeindruckt. Bei einem, der sich auf die gute Schulung seines Vaters verlassen kann, wird das Land von den trickreichen Juden aber nicht etwa plump geraubt, sondern listig gestohlen. Wie es bildlich aussehen soll, wenn Land gestohlen wird, sollte man sich nicht fragen, denn die ganze Konstruktion ist offenkundig und im Wortsinne ver-rückt und basiert auf tiefsitzenden, antisemitischen Vorstellungen vom Wesen des Juden. Seinen Vernichtungswunsch gegen die Juden und ihren Staat expliziert Strohmeyer, wenn er im Folgenden die Raketenangriffe der Hamas bewertet, also einer Organisation, die die Befreiung ganz Palästinas, die Vernichtung Israels und die Tötung aller Juden zu ihrem Ziel erklärt hat:

Nun kann man ja durchaus der Meinung sein, dass die Raketenangriffe aus dem Gazastreifen ziemlich sinnlos sind und den Palästinensern nur selbst am meisten schaden. Man kann aber auch die Position vertreten, dass sie der verzweifelte Versuch von Menschen sind, ihre Ehre und ihre Würde aufrechtzuerhalten.

Selbst hartgesottene Analytiker müssen hier schlucken: Die Kaltherzigkeit, die einer, der sich doch vorgeblich und permanent für das Wohlergehen „der Palästinener“ einsetzt, den Opfern der Hamas-Aggression entgegenbringt, schockiert. Verwundern kann sie jedoch nicht, da es Strohmeyer nicht um die Opfer, nicht um die Palästinenser und ihr Leben in Gaza geht, sondern um Ehre und Würde, wenn auch nicht um die der Palästinenser, sondern um seine, wofür der Konflikt die Projektionsfläche bildet. Deswegen dürfen auch die wirklichen Motive der Hamas ebenso wenig vorkommen wie die Ängste und Nöten der Menschen unter dem Raketenterror, denn um deren Bedürfnisse geht es Strohmeyer überhaupt nicht. Auch wenn er das, was er für die „Wirklichkeit“ hält, zu beschreiben versucht, redet er über ganz andere Dinge als den Nahen Osten, Israel und die Palästinenser:

Wo wird einmal die Situation der Palästinenser ehrlich beschrieben und auch Ursache und Wirkung der Gewalt benannt? Die in Israel lebenden Angehörigen dieses Volkes (immerhin 20 Prozent der Bevölkerung) sind Bürger zweiter, wenn nicht dritter Klasse – diskriminiert auf so gut wie allen Gebieten. Der Rest dieses Volkes darbt seit über 60 Jahren in arabischen Flüchtlingslagern oder hinter der Mauer – ein in Reservate abgeschobenes Volk, in israelischer Sicht wertlose Menschen, die eigentlich gar kein Recht auf Existenz, Selbstbestimmung und Menschenrechte haben, weil sie die „Normalität“ und Sicherheit Israels stören.

Das hat zwar alles nichts mit Israel und der israelischen Politik zu tun, klingt aber schmissig. Dass man jemandem, dem man das Recht auf Existenz bereits abgesprochen hat, was Israel gegenüber den Palästinensern nie getan hat, sondern Strohmeyer Senior Juden und Israel und Strohmeyer Junior Israel, Selbstbestimmung und Menschenrechte nicht auch noch verwehren kann, macht die Aufzählung besonders irrsinnig. Es zeigt überdeutlich, dass auch hier in Wahrheit über Nazis und Juden gesprochen wird und nicht über Israelis und Palästinenser. Die Quintessenz der Aussagen folgt im Schlussabsatz:

Für den Nahen Osten trifft offenbar Friedrich Nietzsches Wort zu, dass alles eine „Wiederkehr des Gleichen“ ist. Beendet werden könnte sie nur, wenn der Stärkere, der auch zugleich der Besatzer und Unterdrücker ist, „Vernunft“ annehmen würde, aber darauf kann niemand hoffen. Und Deutschland? Es ist seine „Staatsräson“, auf der falschen, der unmoralischen Seite zu stehen, weil es aus einem verqueren Verständnis der Geschichte die Starken für die Schwachen und die jetzigen Opfer und die wirklich Schwachen für die Starken in diesem Konflikt hält. Eine solche Verkennung der Wirklichkeit verstehe, wer will, aber sie wird sich für Deutschland eines Tages bitter rächen. Was nicht heißen soll, das Deutschland nicht auch Verantwortung für Israel tragen muss, aber eine Unterstützung von dessen selbstmörderischer Politik kann nicht im deutschen Interesse liegen. Und aus den deutschen Verbrechen an den Juden folgt sie schon gar nicht.

Da die Juden bzw. Israel nicht Vernunft annehmen, haben sie sich alles weitere zuzuschreiben und wenn wir als Deutsche nicht schleunigst etwas dagegen unternehmen, wird Israel unser Unglück sein. Deutlicher kann einer nicht auf den Punkt bringen, worum es ihm geht: Um die Fortsetzung der publizistischen Arbeit des Vaters zum Zweck der Zerstörung des Judenstaates – eine Tätigkeit, die allerdings „aus den deutschen Verbrechen an den Juden folgt“, also deren konsequente Fortführung ist.

Man könnte sich nun die Frage stellen, warum man sich immerfort mit Arn Strohmeyer befassen und juristische Auseinandersetzungen riskieren sollte. Es gilt aber, sich in Erinnerung zu rufen, wie die Partei „Die Linke“ in Bremen sich positioniert. Diese hatte bundesweite Beachtung als besonders antizionistischer Landesverband erlangt, weil sie zu einer von Strohmeyer mitinitiierten Boykottaktion gegen israelische Früchte vor einem Bremer Supermarkt aufgerufen hatte. Strohmeyer legt zwar großen Wert darauf, kein Parteisoldat zu sein und auch keine Position als Sonderbeauftragter, etwa zur „Endlösung der Israelfrage“ inne zu haben, wie es fälschlicherweise kolportiert wurde, aber er publiziert regelmäßig auf der Website der Bremer Linkspartei und diese macht nun Werbung für die neuesten Resultate seiner Schreibtherapie, die er sogar in Buchform veröffentlicht. Wer ahnte nicht bereits, was ihn bewegt: Die Lösung der Israelfrage (er nennt es: „Wer rettet Israel?“) und besprochen hat das Machwerk für den Bremer Landesverband der Linksparteiii, der sich von Strohmeyer gern die Welt zurechtlegen lässt, ein gewisser Rudolph Bauer, dem ebenfalls auffällt, worum es Strohmeyer geht:

Das Buch „Wer rettet Israel?“ von Arn Strohmeyer ist auch ein Dokument der Leidenschaft, die in jener Verantwortung wurzeln dürfte, welche der Autor angesichts des Holocaust und des Völkermordes an den Juden „für dieses unsägliche Verbrechen“ (S. 1) empfindet. Gleich vier Mal begegnet der Begriff „Verantwortung“ bei der Lektüre am Anfang des Buches: Schon auf der ersten Seite wird die „deutsche Verantwortung“ beschworen, auf der zweiten dann die „Verantwortung für Israel und die Juden“, eine „Verantwortung ohne Vorbehalt“, eine „Verantwortung …, die ihnen (d. h. den Deutschen) aus den Verbrechen des ‚Dritten Reiches’ gegen das jüdische Volk erwächst“ (S. 2).

Woher Strohmeyer seine Israelmanie hat und wie er sie ausagiert, wissen wir bereits. Wir können Rudolph Bauer also beruhigen, es ist nicht zu befürchten, dass hier ein Blatt vor den Mund genommen wird, wenn es gilt, die Machenschaften des Zionismus zu enttarnen und so stellt auch Bauer beruhigt fest: „Einerseits erinnernd an die deutsche Schuld und andererseits konfrontierend mit den israelischen Schandtaten, erweist sich die Lektüre des Strohmeyer-Bandes als beschämend, bedrückend und belastend.“

Nachdem diese Gewissenserforschung pflichtschuldig durchgestanden ist, legt auch Bauer jede Scheu ab und lobt Strohmeyers akribische Beschreibung israelischer Schandtaten. So sei etwa das Ziel der israelischen Regierungen, „den Widerstand der in Gaza und den besetzten Gebieten noch vorhandenen palästinensischen Bewohner zu brechen bzw. sie weitestgehend durch jüdische zu ersetzen.“, und zwar durch „Diskriminierung, bürokratischer Schikane, Misshandlung, Erschwerung der Lebensbedingungen, wirtschaftlichen Boykottmaßnahmen, territorialer Verdrängung, Einsperrung, Vertreibung und Tötungen aller Art.“ Mit Strohmeyer ist er sich völlig einig, dass nur massiver Druck auf Israel, insbesondere in die EU setzen sie keineswegs unberechtigte Hoffnungen, zu einer Verbesserung führen könne. Dass dies in Deutschland nicht durchsetzbar sei, läge im „hiesigen Philosemitismus und -zionismus“ begründet, der wie folgt beschrieben wird:

Aufs Ganze gesehen [und m. E. allzu voreilig] stellt Strohmeyer fest, „dass der als Mainstream vorherrschende Philosemitismus sich längst als verkappter Antisemitismus entlarvt hat“ (S. 225). [Das wäre in der Tat eine gute Botschaft!] Er zitiert Judith Butler: „Der Philosemitismus macht dieselben Fehler wie der Antisemitismus … Der Philosemitismus verkehrt den Antisemitismus, ohne die Prämisse in Frage zu stellen, die sie beide stützt.“ (Zit. ebd.)

Weder Strohmeyer noch Bauer (und Butler vermutlich ebenso wenig) sind in der Lage zu begreifen, dass das, was sie in der ganzen linken Folklore um Gedenktage, Schuld und Verantwortung schon immer betrieben haben, genau diese Sorte von Philosemitismus ist, der nicht die Prämisse infrage stellt. Die Prämisse lautet nämlich, dass es mit den Juden eine besondere Bewandtnis habe, dass es eine Judenfrage gebe, die es zu „lösen“ gelte – und sei es in Form des Nahostkonfliktes. Wer so zwanghaft immer auf die Vergehen ausgerechnet Israels und keines anderen Landes hinweist, der betreibt die Fortführung des alten Antisemitismus und nicht derjenige, der „das Gerücht über Israel“ nicht als realistische, wahrheitsgetreue Darstellung anerkennt und den „Israelkritikern“ antisemitische Motive nachweist, die sich schlicht statt an das vermeintliche jüdische Wesen nun an das vermeintliche israelische Staatsunwesen heften. Zur Reflexion auf die Gründe ihres Judenknacks sind die Schreibpatienten, ob sie nun Grass, Augstein, Bauer oder Strohmeyer heißen, grundlegend unfähig, weswegen sie zwanghaft mit den immergleichen Phrasen nur den immergleichen Unsinn zu reproduzieren imstande sind. Dass die auf falschem Philosemitismus gegründete „Staatsräson“ der Bundesrepublik Deutschland eine brüchige, jederzeit widerrufbare ist, ist aber gerade nicht der Gedanke, auf den Bauer hinaus will, für ihn stellt sich die Frage vollkommen anders:

Hat die Judophobie, der Judenhass, sich in unverdächtige Freundschaftsgewänder gekleidet? Werden die Wannsee-Beschlüsse erst jetzt vollständig grausame Wirklichkeit, indem sich das Handeln deutscher Politik „der besonderen historischen Verantwortung Deutschlands für die Sicherheit Israels verpflichtet“ (Angela Merkel; zit. S. 236) – einer Sicherheit wohlgemerkt, die allein auf Gewalt, Töten und Waffen beruht und somit ohne menschlich lebbare Perspektive ist?

Dass Israels Sicherheit auf Gewalt basiert, ist ebenso richtig wie trivial, da jeder Staat auf Gewalt basiert und jeder Staat im Zweifel seine Sicherheit und Existenz nach außen verteidigen muss. Als echte Deutsche glauben Bauer und Strohmeyer, dass Gewalt und Krieg nur zum Totalkollaps führen können, in die totale Katastrophe, zur Wannsee-Konferenz. Ihre komplette Realitätsverweigerung erweist sich gerade daran, dass Israel seinen Bewohnern seit über 60 Jahren sehr wohl eine Perspektive bietet, allen Bedrohungen, allen Terrorakten und allen Kriegen zum Trotz. Dass diese bedrohliche Situation Israel permanent in Gefahr bringt, „physisch oder moralisch“ zu kollabieren, ist ihnen, die den globalen Antisemitismus leugnen und den Motiven von Hamas, Hisbollah und iranischem Regime keine Silbe widmen, selbstredend kein Grund, den weltweiten Antisemitismus und die Bedrohung Israels zu kritisieren, sondern die Bedrohung schlicht zu leugnen und Israel Mores zu lehren. Natürlich kommt auch der Linksparteischreiberling Bauer, ohne macht es der Bremer Landesverband nicht, zum schlechten Schluss noch zum obligatorischen Nazi-Vergleich:

Seine Analyse ist aber auch streitbar und beherzt, weil damit das Licht auf ein anderes Herrenmenschentum geworfen wird, welches ohne arisches Vorzeichen gleichfalls die Menschen- und Lebensrechte anderer negiert. Der militante Judaismus der zionistischen Bewegung trägt jedenfalls Herrenmenschenzüge, die – ohne sie denen der Nationalsozialisten gleichsetzen zu wollen – ebenfalls menschenverachtend und gefährlich sind.

Gleichsetzen will er zwar nicht, der Herr Bauer, aber ein besserer Vergleich fällt ihm ebenso wenig ein wie seinem Gewährsmann Strohmeyer, weil es ihnen allen ausnahmslos um die Abarbeitung ihrer Komplexe und Psychosen, nie jedoch um das Leben der Israelis und Palästinenser geht. Wie man sich gegen Kritik an derlei publizistischem Irrsinn abdichtet, hat Jakob Augstein hinlänglich gezeigt: Er erklärt einfach grundsätzlich jede „Israelkritik“ für legitim und wirft denjenigen, denen dieser Irrsinn auffällt, vor, mit dem Begriff des Antisemitismus Schindluder zu treiben und den „eigentlichen“ Antisemitismus zu verharmlosen – ohne diese Betonung des Eigentlichen geht es in deutscher Ideologie einfach nicht. Sind bei Augstein aber die „eigentlichen“ Antisemiten nur die Nazis, die es wie keine andere Gruppe hierzulande schaffen, den volksgemeinschaftlichen Konsens gegen sich zu mobilisieren, so sind es bei Bauer und Strohmeyer diejenigen, die ihre absurde „Israelkritik“ denunzieren, denn: „Darauf mit seinem Buch hinzuweisen, wird dem Autor gewiss mit bitteren Anfeindungen aus dem Heerlager des philosemitischen Antisemitismus entgolten werden.“ Im Kindergarten würde man sagen: „Selber, selber, lachen alle Kälber“, aber Bauer und Strohmeyer meinen es ernst.

Die Kritik des Antisemitismus setzt die des Antisemiten voraus. Es ist daher unabdingbar, nicht allgemein über irgendwelchen „antisemitischen Tendenzen“ in der Linkspartei daher zu schwadronieren, sondern Ross und Reiter zu benennen und gerade in Bremen gegen die Linkspartei zu mobilisieren. Noch sitzt sie hier in der Bürgerschaft, noch erhofft man sich Mandate bei der Bundestagswahl, auch wenn sich negativ auswirken dürfte, dass man in Ermangelung von Koalitionspartnern keine „regierungsfähige“ Fraktion im neuen Bundestag benötigen wird. Es ist nicht gelungen, trotz offensichtlich antisemitischer Stellungnahmen, grotesker Darstellung des Nahostkonflikts, regelmäßiger antisemitischer Manifestationen vor dem Bremer Dom und trotz der im SA-Stil durchgeführten Boykottaktion gegen Israel vor einem Bremer Supermarkt, den schlimmsten antisemitischen Bauchredner Bremens als Sprachrohr der Linkspartei stillzulegen. Die Linkspartei, die gerade beschlossen hat, dass die antisemitischen Ausfälle des Strohmeyers des Westens, Hermann Dierkes, Teil des „Diskurses“ der Partei sind, ist ein hoffnungsloser Fall. Diese Partei, mitsamt ihrer Vorsitzenden Kipping, die in Strafen gegen Dynamo Dresden eine Benachteiligung des Ostens und in den Banken die Wurzel allen Übels sieht, ist wesentlicher Bestandteil des Problems, das jedoch in einer „Mitte der Gesellschaft“ wurzelt, die statt den Tiraden eines Strohmeyers lieber die gepflegte antiisraelische Hetze eines Thomas Avenarius in der Sueddeutschen liest und die für das Problem ebenso unansprechbar ist wie die Linkspartei.

Auch wenn der antisemitische Wahn sich durch die Wirklichkeit vollkommen unbeeindruckt zeigt, so ist doch gerade hier Aufklärung besonders vonnöten. Auch in Zukunft wird, aller Vergeblichkeit zum Trotz und sogar in Bremen, versucht werden, solche Aufklärungsarbeit zu leisten – jedoch nicht aus philosemitischen Motiven, sondern aus Einsicht in die Notwendigkeit des Unterfangens.

i Auf direkte Verlinkungen zu Strohmeyer-Texten wurde bewusst verzichtet, die Zitate stammen von Arn Strohmeyers Homepage sowie vom Palästina-Portal. Die Richtigkeit der Zitate (Stand: 11.12.2012) wird garantiert.
ii Die Partei „Die Linke“ hat die Rezension offenbar entfernt, sie findet sich noch auf Strohmeyers Palästina-Portal
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