Israelsolidarität in Bremen – ein Ding der Unmöglichkeit?

Zur Kritik des Aufruftextes zur „Kundgebung gegen Antisemitismus“ auf dem Bremer Marktplatz am 22.07.2014 um 17h.

Hamas und israelkritische Weltöffentlichkeit haben ein Bündnis geschlossen, das auf folgender Arbeitsteilung basiert: Die einen liefern den anderen tote palästinensische Zivilisten, vorzugsweise Kinder. Dafür erhalten sie von den anderen Geld, Hilfsgüter und Waffen. Immer dann, wenn den einen das Geld oder den anderen die verbale Munition gegen den „Kindermörder Israel“ auszugehen droht, wird die Zahl der Raketen, die Hamas aus dem Gazastreifen auf israelische Zivilisten abfeuert, erhöht. Gleichzeitig hetzt die israelkritische Weltöffentlichkeit gegen jede Maßnahme, die Israel zur Verteidigung seiner Bürger ergreift, präsentiert jeden toten Palästinenser als Opfer jüdischer Rachsucht oder Ritualmorde. Wenn man so will, dann ist dies die „Spirale der Gewalt“, von der in Bezug auf den Nahen Osten so gern gesprochen wird. Israelkritik und Israelhass peitschen sich gegenseitig auf, mit jedem Terrorakt gegen Israel nimmt die Israelkritik zu, was wiederum die Unterstützung der Terrorgruppen und deren Bereitschaft zu Terrorakten erhöht. Am Ende dieser Spirale steht die Vernichtung Israels – sei es durch das iranische Atomprogramm, die Etablierung eines Terrorstaats in der Westbank oder durch den internationalen sunnitischen Djihadismus, der in Syrien und im Irak gerade massiv auf dem Vormarsch ist. Es muss also gelingen, diese Spirale zu unterbrechen, um das Schlimmste zu verhindern.

Nicht weil diese Erkenntnis neu wäre oder weil es eine große Denkanstrengung erforderte, sie nachzuvollziehen, sondern weil sie so banal ist, muss sie offenbar immer wieder neu gegen jene durchbuchstabiert werden, denen es primär gar nicht um Israel geht. Israel als Staat und der Zionismus als Projekt stehen im besten Sinne dafür, was Leute wie Moshe Zuckermann, der beliebteste israelische Stichwortgeber einer deutschen Linken von Sarah Wagenknecht und Inge Höger bis zu Gremliza und Ditfurth, ihnen vorwerfen: Für eine partikuläre Antwort auf die Universalität nicht nur der Shoah, sondern des Antisemitismus. Was der Vorwurf meint, ist klar: Die Zionisten instrumentalisierten Auschwitz, um ihre Verbrechen und die Existenz des Staates Israel zu rechtfertigen. Nie wird jedoch auch nur mit einer Silbe erwähnt, dass es keine universelle Antwort auf den Antisemitismus gegeben hat, dass es keinen Staat gab, der den Juden Schutz bot und niemand bereit war, gegen den Antisemitismus zu intervenieren. Die Gründung des Staates Israel als partikularer Staat der Juden sichert insofern heute die Möglichkeit, dass ein Universalismus überhaupt noch möglich ist. Israel ist zwar, was seine Institutionen, seine Armee, die Fehlbarkeit seiner Politiker und Bewohner betrifft, ein Staat wie jeder andere. Er kann jedoch als Versuch der revolutionären Abschaffung antisemitischer Verfolgung und der Überwindung eines Zustands, in dem man sich fürchten muss, sich als Jude erkennen zu geben, kein Staat wie jeder andere sein. Aus diesem Grund muss jede Bewegung und jede Einzelperson, die es mit Aufklärung, Fortschritt und einer besseren Gesellschaft hält, aus Prinzip mit Israel solidarisch sein.

Der Mord an drei israelischen Jugendlichen und der Raketenterror aus Gaza durch die Hamas (Im Aufruf ist, als handele es sich um ein Naturschicksal, für das niemand die Verantwortung trägt, von einer „erneuten Eskalation des Nahost-Konflikts“ die Rede) führt derzeit zu einer antisemitischen Eskalation auf den Straßen, die ohne einen ideologischen Geleitschutz aus der israelkritischen Öffentlichkeit dieses Landes unmöglich gewesen wäre. Wenn Demonstranten in Berlin vor einer Synagoge „Jude, Jude feiges Schwein – komm‘ heraus und kämpf allein!“ brüllen, dann fordern sie nichts substantiell anderes als Günter Grass, Jakob Augstein, Arn Strohmeyer, Michael Lüders, Jürgen Todenhöfer und Nahost-Korrespondenten wie Inge Günther, Susanne Knaul und Peter Münch.

Sie alle werfen Israel vor, gegen diejenigen, die es vernichten wollen, sich in einer relativen Position der Stärke zu befinden und sich weder abschlachten zu lassen noch den heroischen Kampf Mann gegen Mann zu suchen. Wenn Israel Angriffe auf seine Bürger unterbindet, dann ist ihnen dies maßlos, unverhältnismäßig, folgt einem Gesetz der Rache und so weiter. Die derzeitigen Querfront-Demonstrationen, die Linke, Rechte, Islamisten und Bürger mit Migrationshintergrund vereinen, werden von einer gesellschaftlichen Mitte angefeuert, der jede israelische Selbstverteidigung eine Gefährdung des Weltfriedens ist, der das Schlachten in Syrien und im Irak aber kaum Anlass zu Empörung und mitnichten Motivation zu gemeinsamen Solidemos bietet, denen also Krieg und Leid immer genau so lange am Arsch vorbei gehen, wie sie nicht den Juden angelastet werden können.

Es gibt zwei falsche Deutungsmuster der derzeitigen antisemitischen Manifestationen, die sich inzwischen offen und eindeutig gegen Juden und jüdische Einrichtungen richten und diese umstandslos mit Israel identifizieren. Beide Deutungsmuster sind im Grundsatz rassistisch, da sie den Migranten, die sich an solchen Demonstrationen beteiligen und die antisemitische Parolen grölen, jede Verantwortung absprechen. Das rechte, islamfeindliche Muster lautet: „Diese Menschen können und wollen sich hier nicht integrieren und gehören abgeschoben!“ Das linke, menschenfeindliche Muster geht davon aus, dass Migranten als Opfer der Verhältnisse und der rassistischen Mehrheitsgesellschaft entschuldigt seien und damit quasi eine Art Freifahrtschein für Hassparolen hätten, die ihrem „Zorn“ entsprängen. Dass es vielmehr ein Zeichen gelungener Integration sein könnte, wenn junge Migranten das Geschreibsel älterer Deutscher in die „Sprache der Straße“ übersetzen, ist als Gedanke offenbar ebenso verpönt wie der, jeden Nazi gleich zu behandeln, egal welcher Abstammung.

Der Grund, aus dem sich die Staatsmacht aber so nachsichtig gegenüber diesen antisemitischen Demonstrationen und sogar den dort regelmäßig zu beobachtenden Gewaltausbrüchen zeigt, ist derselbe, aus dem die Antifa keinen substantiellen Protest organisiert bekommt: Es gibt zur staatsoffiziellen Israelkritik keine nennenswerte Opposition, die sich die Solidarität mit Israel auf die Fahne schreibt. Es ist daher mehr als befremdlich, wenn in Zeiten, in denen Menschen Angst haben müssen, sich als Juden und Israelis erkennen zu geben, in denen das Bündnis aus antisemitischem Mob und israelkritischen Eliten fröhliche Urstände feiert, in einem Demonstrationsaufruf darum gebeten wird, ausgerechnet das Tragen von „Nationalfahnen“, womit natürlich die Israelfahne gemeint ist, zu unterlassen.

[Der Aufruf kursiert in zwei Versionen: „Wir bitten auf das Tragen von Nationalfahnen zu verzichten“ wurde geändert zu „Wir bitten zu beachten, dass es im Bündnis keinen Konsens gibt, was das Zeigen von Nationalfahnen bei der Kundgebung betrifft.“]

Die Israelfahne ist das Symbol, mit dem man beide Seiten des Bündnisses gegen Israel am klarsten konfrontiert. Man macht damit dem Mob deutlich, dass es durchaus noch Menschen gibt, die bereit sind, sich ihm entgegenzustellen und für die Gegenseite Partei zu ergreifen, die für Israels Recht auf militärische Selbstverteidigung, auf Terror-Schutzzäune und für das Recht auf jüdisches Leben eintreten, ob in Hebron, Jerusalem, Tel Aviv oder Bremen.

Gleichzeitig wird den ideologischen Scharfmachern, den hauptamtlichen Israelkritikern, eindeutig signalisiert, dass ihr Gift nicht bei allen verfängt, dass es durchaus noch Menschen gibt, die bereit sind, sie mit der „Antisemitismuskeule“ zu verdreschen, wenn sie aus ihrer Mördergrube kein Herz machen.

Der Verzicht auf das Tragen von Israelfahnen zeigt, dass man offenbar bereit ist, der Kritik des Antisemitismus jeden Schwung zu nehmen. Bereits Horkheimer/Adorno hatten festgestellt, dass es keinen mehr gibt, der sich als Antisemiten bezeichnet. Heute ist man lieber mit gutem Gewissen Antizionist, Israelkritiker oder ganz grundsätzlich Antinationalist, ohne beim Staat Israel eine Ausnahme formulieren zu können. Für Deutschland gilt aber, nachweislich der Schriften und Reden von Alfred Rosenberg und Adolf Hitler, dass jeder Antisemit auch Antizionist sein muss und umgekehrt, dass zwischen Antisemitismus und Antizionismus nicht sinnvoll unterschieden werden kann. Deswegen ist eine Kritik des Antisemitismus unmöglich, die sich nicht auch und zugleich mit Israel solidarisch erklärt.

Dass das Bremer Bündnis gegen Antisemitismus in dieser Frage „keinen Konsens“ herzustellen vermag, stellt den Sinn dieser Kundgebung und die Berechtigung des Bündnisses grundlegend in Frage, muss dies doch als Warnung an alle verstanden werden, die sich offen zu Israel bekennen. Wenn man also aus Prinzip nicht in der Lage oder nicht gewillt ist, ein demonstratives und kollektives Zeichen der Solidarität mit Israel zu setzen, das angesichts der momentanen Kräfteverhältnisse bereits darin bestehen könnte, sich zumindest gemeinsam vorzunehmen, vor dem Mob nicht zurück zu weichen, sondern entschlossen „zusammen“ zu stehen, dann sollte man es lieber lassen, die Kundgebung absagen, das Bündnis einstampfen.

Wir wollen aber wohlwollend annehmen, dass die nachträgliche Veränderung des Aufrufs, in der die Bitte, auf Nationalfahnen zu verzichten, zurückgezogen wurde (und nun ärgerlicherweise auf den nicht vorhandenen Konsens verwiesen wird) in die richtige Richtung geht. Den Banalitäten der Israelsolidarität gerecht zu werden, hieße sich über jede Israelfahne auf der Kundgebung zu freuen und diese lächerliche Debatte um „Nationalfahnen“, die die Linke seit 10 Jahren beschäftigt, endlich zu beenden. Mit wem eine israelsolidarische Demo mit Israelflaggen nicht zu machen ist, der möge eben zuhause bleiben.

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6 Antworten zu Israelsolidarität in Bremen – ein Ding der Unmöglichkeit?

  1. Gast schreibt:

    „Bürger mit Migrationshintergrund“ sind die wenigsten. Migration ist eine persönliche Leistung, kein Erbpachthof. Die meisten sind hier wohl geboren, aufgewachsen und vieleicht sogar zur „Schule ohne Rassismus“ gegangen.
    Um so deutlicher trifft sich hier der Faschismus und Antisemitismus der Mitte mit den ethisch verwahrlosten Rackets.

  2. F.Frutdel schreibt:

    ja, analysiert bitte. aber zur eröffnung des artikels per namedropping „was leute wie“ „bis zu“ herrmann l. gremliza und jutta ditfurth damit zu tun haben, gilt es dann doch zu belegen und würde den rahmen sprengen bzw. deren langjährige „antideutsche“ bemühungen um aufklärung
    nicht gerecht werden und stört so den transport des artikelinhaltes. cool wäre auch, outsidern mehr quellen und dokus der veranstaltungen zu präasentieren.
    herzliche solidarische grüße, die leider nur soweit gehen, sich damit nicht gewalttätig auseinandersetzen zu wollen, bzw. für das tragen von israelfahnen nicht schläge oder hausdurchsuchungen zu riskieren. der staat verhält sich m.e. so passiv, weil er kein objekt für die massen darstellt, eher begleitendes subjekt ist.

  3. abgwb schreibt:

    Gremliza, Ebermann und zuletzt Ditfurth haben Moshe Zuckermann als linken Kronzeugen gegen Israel aufgebaut, die konkret hat dazu sogar ein eigenes Buch gemacht mit dem Titel „Zweierlei Israel“ (für Moshe Zuckermann zerfällt immer alles in zwei Seiten, er hat auch ein Buch geschrieben, in dem er die „Holocaust-Rezeption“, das meint der ernst, in Israel und Deutschland untersucht und das er „Zweierlei Holocaust“ genannt hat). Zuletzt befand Jutta Ditfurth auf ihrer Facebook-Seite, dass Moshe Zuckermann „kluge Fragen“ stelle, als er in der linksfaschistischen „Jungen Welt“ Hamas und Netanjahu gleichsetzte und ihnen beiden unterstellte, den Krieg zu wollen, in vollkommener Verkennung der Fakten. Der aktuelle jüdische Kronzeuge, den Gremliza gegen Israel aufbietet, heißt Micha Brumlik, der in konkret ernsthaft fordern konnte, dass Israel aufhören müsse, ein jüdischer Staat zu sein. Diese Positionen konnte er auch auf einem in konkret dokumentierten Kongress breittreten, auf dem es nicht um Israel, sondern um linke Befindlichkeiten und Standpunktdenken ging, also darum, was man „als Israeli“ oder „als Deutscher“ oder „als deutscher Linker“ sagen oder denken solle oder dürfe. Es geht diesen Befindlichkeitsmenschen in Hamburg also immer nur um den eigenen Nabel, um den sie unentwegt kreisen; jede Wahrheitsfähigkeit des Denkens wird durch solche Zirkel von vornherein aufgegeben. Jutta Ditfurth war da ja schon vor Jahren einen Schritt weiter, als sie eine idealisierte und idealisierende eigene Wunschbiographie in Form einer Ulrike-Meinhof-Biographie vorlegte, die sich auf dem Niveau der Zeitschrift „Bunte“ bewegte und das Problem der RAF auf Kolportage herunterzog. Wenn diese Leute Verdienste haben, dann zuallererst dieses: Ihre Verblödung so demonstrativ zur Schau zu stellen, dass es auch dem letzten auffällt.

  4. F.Frutdel schreibt:

    vielen dank für die ausführliche antwort. ich hatte die erste hälfte der diskussion des konkretkongress in konkret gelesen und dabei nicht den eindruck, es ginge nur einseitig einher. onkel hermann musste sich doch meiner erinnerung nach mit kritik auseinandersetzen, immerhin.
    ich kann über die inhalte kaum wiklich fundiert diskutieren, möchte aber „von aussen“ kurz über die form etwas sagen, mit der hier anscheinend grabenkämpfe ausgetragen werden, deren gräben m.e. nicht sehr tief sind, bzw. deren tiefe noch verhandelbar ist. diese auseinandersetzung
    sollte zuletzt dazu dienen, burgfrieden her-oder abgrenzungen darzustellen, sondern sollte sachlich und nüchtern zustände beschreiben und analysieren, dachte ich zumindest als neuer leser des abgwb. nun scheinen die flinten hier doch ressentimentgeladen zu sein : was ist das mit der „hamburger nabelschau“ denn anderes? kritik aus der provinz an die provinz? verblödungsvorwürfe gelingen zu klumpig. im übrigen lasse ich mir als langjähriger kokretleser nicht von konkret meine meinung denken und habe eher das nebulöse gefühl, konkret stehe etwas zu sehr in einer ecke, über die ihr ja hinweise aus eurer ecke heraus gegeben habt; danke,
    meine peaciger wunschgruss : humorige solidarität mit den antideutschen in ihrer patriotischen ecke (vielleicht sind sie in die jahre gekommen, tomayer hat´s ja auch schon gschmisse).
    grüße freundlichst, F.

  5. Bahamas schreibt:

    „ich kann über die inhalte kaum wiklich fundiert diskutieren, möchte aber “von aussen” kurz über die form etwas sagen, mit der hier anscheinend grabenkämpfe ausgetragen werden, deren gräben m.e. nicht sehr tief sind, bzw. deren tiefe noch verhandelbar ist.“

    auch wenn es hier nicht mehr um den Inhalt des Artikels geht passt dieser Absatz doch sehr gut zu allem was du hier von dir gibst. Diese Demut vermisst man leider bei dem Macher diese Blogs vollkommen. Wenn man solidarisch mit jemandem sein will sollte man zumindest dessen Interessen kennen. Du hast einfach absolut keine Ahnung von dem was und warum es passiert ist. Und das ist auch gut so! Ich hoffe du wirst weiterhin so isoliert von jeglichen linken Zusammenhängen bleiben. Dass du dich überhaupt traust hier die Namen von linken Gruppen in dem Zusammenhang zu nennen ist ein Zeichen davon wie wenig du inhaltlich zu sagen hast. Es lebe die Polemik! Aber das können wir auch wenn es sein muss. Noch unsolidarischer als du kann man kaum sein. Aber auch das können wir toppen!

  6. abgwb schreibt:

    Danke für diesen Kommentar, der in dankenswerter Deutlichkeit zeigt, dass der Text stimmt, dass es der linken Szene in Bremen um ihre Befindlichkeiten geht und darum, wer mitspielen darf und wer nicht. Und eben gerade nicht um Israel. Das unterscheidet uns fundamental.

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