Solidarität als linke Männerfantasie. Eine Bremer Regression

Der Anlass für diesen Text ist nicht der Gegenstand der Betrachtung, er soll aber dennoch geschildert werden. Am 19. April 2015, nach dem Spiel Werder Bremen gegen den Hamburger SV, kam es zu einer gewalttätigen Auseinandersetzung zwischen Fußballfans. Dies wäre angesichts der Rivalität der beiden Vereine nicht weiter bemerkenswert, doch in diesem Fall war es eine Auseinandersetzung innerhalb der Bremer Fanszene, zwischen Nazi-Hools und antifaschistischen Ultras. In Bremen existiert eine kleine, aber schlagkräftige Hool-Szene, Namen wie „Standarte Bremen“ oder „Kategorie C“ sind überregional bekannt.

Nachdem die organisierte Naziszene, wie auch in den meisten anderen Städten Westdeutschlands, seit den 1990er Jahren in Bremen magere Jahre zu verzeichnen hatte, kam es im Zuge der „Hooligans gegen Salafisten“, für die „Kategorie C“ die Hymne schrieben, offenbar zu einem kleinen Revival. Am Ende der letzten Saison traten Nazi-Hools wieder öfter an Spieltagen in der Umgebung des Weserstadions auf, um Anspruch auf längst verlorenen Einfluss in der Fanszene anzumelden.

So sammelten sie sich auch bei jenem Spiel in durchaus prominenter Aufstellung vor einer Kneipe in Stadionnähe, wo es später zu der Auseinandersetzung mit den linken Ultras kam. Im Nachgang wurde ein Ultra namens Valentin verhaftet, die Staatsanwaltschaft wirft ihm unter anderem gemeinschaftliche gefährliche Körperverletzung vor, er soll einen Hooligan mit einem Blumenkübel beworfen haben. Wie es dazu kam, ist ausdrücklich nicht Bestandteil dieses Textes, dazu findet sich allerhand Material an anderer Stelle. Uns geht es darum, eine Leerstelle zu füllen, die für Bremen leider typisch ist: Das nahezu vollständige Ausbleiben jedweder Kritik an der linken Querfront, die sich in der Folge unter dem Motto „Free Valentin“ bildete.

So sehr man gewillt und bereit ist, die linken Ultras darin zu unterstützen, den fortwährenden Unwillen der Bremer Politik und Justiz anzugreifen, wirksam gegen Nazi-Hools vorzugehen, diese an Spieltagen vom Stadion fernzuhalten (die Mittel dazu sind längst vorhanden) und, sollten sie doch aufkreuzen oder Fan-Partys überfallen, sie so lange wie irgend möglich wegzusperren, so sehr muss man sich doch wundern, mit welchen anti-aufklärerischen oder im Szeneduktus ‚unemanzipatorischen‘ Bündnispartnern diese teilweise richtigen Forderungen (vgl. den Demoaufruf verschiedener Ultra-Gruppen) auf die Straße gebracht werden.

Zu diesen Forderungen gehört sicherlich auch, dass Richter bei der Bemessung der Schuld des Angeklagten, der Hand an Nazischläger legt (bzw. Blumenkübel auf diese schmeißt), den Einsatz gegen Nazis und deren Gewalttätigkeit sowie vorherige Nazi-Überfälle strafmildernd berücksichtigen sollten. Es ist schlicht nicht einzusehen, warum an einem jungen Menschen ein Exempel statuiert werden sollte, während überregional bekannte Nazigrößen straffrei ausgehen. Gegen den Slogan „Free Valentin“ ist also nichts einzuwenden. Allein geben praktischer Gestus zentral beteiligter Akteure und erst recht das, was wohl ihre Theorie sein soll, mal wieder in aller Deutlichkeit preis, wie erbärmlich es um große Teile der linken Szene in Bremen bestellt ist. Das geistige und moralische Elend, die Unfähigkeit zum Denken, die Verrohung drückt sich nicht zuletzt in einer rudimentären Sprache aus, die, falls notwendig, im Original zitiert wird, ohne Korrektur und ohne auf jeden einzelnen Fehler und missglückten Ausdruck hämisch hinzuweisen.

Hatte man vielleicht, jedenfalls bis zum letzten Sommer (vgl. ABGWB 2014), noch die Hoffnung, dass die Bremer Linke rund um die Elendsgestalten der „FDJ“, die Senioren vom Bremer Friedensforum und ein paar Anarchisten, die es ja irgendwie immer gibt, einfach nur wie die ganze Stadt und insbesondere das Viertel irgendwo in den 80ern hängengeblieben ist – was gewiss mit der dorfgemeinschaftlichen Folklore zusammenhängt, die einem hier allenthalben begegnet – muss man nun doch reichlich angewidert zur Kenntnis nehmen, dass dieser Wahn, den man vielleicht als Exotik, wie sie rückständigen Volksstämmen eigen ist, abtun wollte, System zu haben scheint. Die mühevolle Aufklärungsarbeit, die sich an der Ideologie der bekloppten bis nur peinlichen linken Grüppchen mittlerweile mancherorts doch recht erfolgreich abgearbeitet hat, ist in Bremen in Gestalt von Zusammenschlüssen wie der ANG und der Redaktion Extrablatt oder der Associazione delle Talpe durchaus angekommen, wobei deren letzte kritische Intervention Jahre zurückliegt bzw. auf solche gänzlich verzichtet wird.

Die Auswirkungen dieser unterbliebenen Szenespaltung lassen sich immer wieder beobachten: Wo der Antinationalismus als besonders fortschrittlich gilt, wo man also dort steht, wo die Rätekommunisten vor 100 Jahren bereits angekommen waren und man damit theoretisch hinter dem Nationalsozialismus und insbesondere einem dem Gegenstand auch nur einigermaßen gerecht werdenden Begriff des Antisemitismus zurückbleibt, da lässt sich gegen eine antisemitische Großdemonstration, die auch viele Linke dazu nutzten, ihren Israelhass auf die Straße zu tragen, nicht einmal ein Konsens über das Tragen von Nationalfahnen, d.h. der des jüdischen Staates, herstellen.

Dennoch durfte man annehmen, dass zumindest im bescheidenen Ausmaß und in Teilen der Szene Fortschritte gemacht wurden. Es ist keine zwei Jahre her, da veranstaltete die Ultra-Gruppe „Caillera“, die heute wie die Kollegen von „Infamous Youth“ nahezu jeden Unfug, auf dem „Free Valentin“ draufsteht, bedenkenlos unterschreibt, eine bemerkenswerte Veranstaltungsreihe unter dem Titel „Fußballfans gegen Antisemitismus“. In diesem Rahmen war z.B. eine wunderbare Filmvorführung mit einleitendem Vortrag von Martin Schmitt aus Münster möglich. Dass dies Episode bleiben musste, konnte man nach der folgenden, leider sehr ärgerlichen Vortragsveranstaltung mit Alex Feuerherdt und Enno Wöhler zum Kernthema „Fußball und Antisemitismus“ erahnen, auf der sich die Befürchtung, es ginge auch darum, sich als aufgeklärte und damit bessere Fußballfans zu beweihräuchern, leider zumindest teilweise bestätigte und kritische Reflexionen auf Fantum allgemein unterlassen und abgebügelt wurden. Wie das funktioniert, zeigte der damalige Ankündigungstext beispielhaft, der die rivalisierenden Fans von Hannover 96 als Negativbeispiel ins Visier nimmt, um die eigene moralische Makellosigkeit zu feiern: Im März 2006 hinterließen Fussballfans aus Hannover bei ihrem Besuch in Bremen eindeutige Aufkleber: Sie hatten das Wappen des SV Werder zu einem orangefarbenen Davidstern verfremdet“ (Caillera, 2013). Wie ein antifaschistischer und besonders moralischer Gestus als Rechtertigung für Schweinereien nutzbar gemacht wird, konnte man im Nachgang eines brutalen Überfalls Bremer Fans, unter denen offenbar einige Ultras mit Stadionverbot waren (Radio Bremen, 2015), erkennen: Aus Szenekreisen gab es zwar keine offiziellen Stellungnahmen oder gar Distanzierungen, aber unter der Hand, zumindest aus dem Umfeld der vermeintlich fortschrittlichen Gruppen, kritische Töne, die aber ohne zwei Hinweise nicht auskamen: Erstens handele es sich bei „den Augsburgern“ um „ziemliche Ottos“, was im Szenejargon bedeutet, dass man dort nicht hinreichend links und antifaschistisch sei, auch wenn sich ein konkreter Nazi-Vorwurf nicht rechtfertigen lasse. Und zweitens müssten sich die sogenannten szenekundigen Beamten nicht wundern, wenn man ihnen die ständige Repression mal zurückzahle.

Trotz dieser akuten Warnzeichen sind wir überrascht vom Ausmaß der Regression, die sich im Zuge der Verhaftung Valentins abspielt. Zentral ist dabei die Frage, warum jede Kritik unterbleibt, wo überhaupt noch „emanzipatorische“ Kräfte sind, die sich dem Verfall widersetzen. Es ist zwar vergebliche Liebesmüh und man möchte die Bremer Szene eigentlich sich selbst überlassen und kein Wort über männerbündische Gemeinschaften verlieren, die sich etwa „Revolutionärer Aufbau Bremen“ (RAB) nennen, wo der Name schon alle nur denkbare Dämlichkeit ausplaudert, der man sich als Linker überhaupt befleißigen kann. Aber in Anbetracht des vollständigen Reflexionsausfalls sieht sich das Aktionsbündnis gegen Wutbürger genötigt, sich mit den ideologischen Ausflüssen derer auseinanderzusetzen, die sich wohl für die antifaschistischen Vorzeigetruppen der Stadt halten, um diese endgültig zu blamieren. Denn das breite Free-Valentin-Bündnis wird maßgeblich von den dümmsten linken Gruppen getragen, die man sich überhaupt nur denken kann. War z. B. schon lange klar, dass die im „UmsGanze“-Bündnis organisierte „Basisgruppe Antifaschismus“ (BA) für jede Infantilität zu haben ist, wie ein kurzer Blick auf deren Output zeigt (besonders „empfehlenswert“ ist das geteilte „Mobi-Video“ zu den „Blockupy“-Protesten, in dem ein paar Kids in Papas Büroraum zu einem Haftbefehl-Beat einen Computer kaputtschlagen und das irgendwie für revolutionär halten oder das Statement zur Bremer Landtagswahl, in dem die Nichtbeteiligung vieler Bremer an den Landtagswahlen als Zeichen des bevorstehenden Volksaufstands gedeutet wird), und sicherlich zu den peinlicheren dort organisierten Gruppen gehört, muss man nun zur Kenntnis nehmen, dass Antinationalismus und eine infantile Form der „Staatskritik“ genau das ist, was alle beteiligten Gruppen als zentrales ideologisches Moment und jenseits aller vermeintlich unwichtigen Differenzen eint.

Wenn, wie die BA vermutet, die Bremer Szene „schwach aufgestellt“ (BA 2015a) ist, möchte man jedenfalls den Erweckungsruf, der am 15.8.2015 von beiden genannten linken Gruppen auf der Free-Valentin-Demo geprobt wurde, nicht fruchten sehen, ja möchte man überhaupt die soldatische Brüderlichkeit, die von den RAB-Antifaschisten ausgeht, die in erster Linie Schläger sein wollen, (vgl. RAB 15.8.15a) besser nicht noch einmal in dieser ideologisch abgründigen und bis in die unmittelbare Präsenz hinein zutiefst maskulinen Vorzivilisiertheit ertragen müssen. Hier schlägt das, was man bei der BA nicht mehr nur peinlich, sondern dumm nennen muss, völlig ins Regressive um. So lohnt denn ein genauerer Blick auf zentrale Schlagworte, mit deren Hilfe man meint, Anlass, Form und Ziel des antifaschistischen Tuns zu reflektieren, um zu sehen, wie begriffsleer es dabei zumeist zugeht.

Da wäre zunächst das Begriffspaar ‚Theorie und Praxis‘, über das man immer reden muss, wenn man die Linke kritisiert und einem vorgehalten wird, man müsse nicht alles zerreden, sondern die eigenen Reihen geschlossen halten. Im besten Fall heißt es noch, es seien beide wichtig, der „Theoretiker“ und der „Mann fürs Grobe“. Und auch von ‚antideutscher‘ Seite wird diese Unterscheidung nicht selten gern verschlagwortend benutzt, um entweder einem Vorrang der Theorie das Wort zu reden oder beides irgendwie vermitteln zu wollen. Das Argument, das insofern richtig ist, als man schlechterdings kein politisches Handeln befürworten mag, das sich nicht vernünftig legitimiert, greift aber ebenso zu kurz, wie der Drang, möglichst viel vom Althergebrachten retten zu wollen. Mag man der Verschlagwortung dabei zugute halten, dass eine Intervention, die nicht polemisch, sondern ‚konstruktiv‘ daherkommen möchte, sich auch nach Jahrhunderten der folgenlosen Theorieproduktion immer noch in die Plattheit linker „Diskurse“ einfügen muss, bleibt trotzdem nur die Schlussfolgerung, dass das mit Kritik nichts, mit Anpassung an eine Szene aber alles zu tun hat, die nichts hören will, was ihrem als „Praxis“ euphemisierten Herumgerödel einen Hauch Verstand entgegensetzt. Eine Linke, die nichts tut als den berühmten Satz aus dem Aphorismus mit dem Titel ‚Abweichung‘ der Minima Moralia zu reproduzieren, fällt als „Waffe der Kritik“ aus: „Während kein Gedanke aus der Kritik der politischen Ökonomie bei den Anhängern der linken Plattform mehr feststeht; während ihre Zeitungen ahnungslos täglich Thesen ausposaunen, die allen Revisionismus übertrumpfen, aber gar nichts bedeuten und morgen auf Abruf durch die umgekehrten ersetzt werden können, zeigen die Ohren der Linientreuen musikalische Schärfe, sobald es sich um die leiseste Respektlosigkeit gegen die der Theorie entäußerten Parolen handelt.“ (Adorno, 2003d)

Doch liegt es in den Verhältnissen selbst begründet, dass die gesamtgesellschaftliche Vermitteltheit der kapitalistischen Funktionslogik der Menschheit eben nicht einfach ausgetrieben werden kann, um zu einer „vernünftige[n] Einrichtung der Gesamtgesellschaft als Menschheit“ (Adorno 2003b: 618) zu gelangen. Schon allein dies auf den Begriff zu bringen, ist bereits ohne irgendwelche Bündnispolitik und ohne „Sichtvermerk“ (Adorno 2003c: 146) eine Form der Praxis. Wie auch umgekehrt die dümmste Theorie nicht einfach keine Theorie ist, sondern nur eben eine schlechte, die es als Ideologie zu kritisieren gilt. Es geht also um richtiges Handeln, um eine Entfaltung der Kritik und nicht um eine „Einheit von Praxis und Theorie, [… die] diese zur Dienerin erniedrigt; das an ihr beseitigt, was sie in jener Einheit hätte leisten sollen“ (Adorno 2003c: 146 f.). Theorie ist immer auch Praxis, denn ohne eine Einsicht in das, was falsch läuft, und durch diese Einsicht selbst, kann schlechterdings auch kein politisches Handeln erfolgen, das dieser Theorie so weit möglich gerecht wird. Hier zu trennen tut nur einmal mehr so, als wäre das Brüllen nach einer Antifa, die praktisch werden müsse – als wenn sie das nicht schon meistens wäre und damit Teil des Problems ist – das natürliche Pendant zu denjenigen, die da im „Grand Hotel Abgrund“ über die Verhältnisse philosophieren: Hier der Tüchtige, dort der Intellektuelle.

Interessant wäre die historische Vergeschlechtlichung dieser Zuweisungen unter die Lupe zu nehmen, aber eine solche Betrachtung ist in linken Zusammenhängen, in denen Männern strenge Verhaltensregeln auferlegt werden, damit die wenigen Frauen sich nicht „komisch fühlen“, verpönt. Denn auch wenn man Frauen gern eine Nische in der Propagandakompanie, bei der Organisation von Veranstaltungen oder in der Volxküche zugesteht, bleibt die theoretische Arbeit weitgehend Männersache und wenn es handgreiflich wird, schickt man die Damen aufs Frauendeck. So ist auch die ca. alle halbe Jahre im Antifaplenum verwundert vorgetragene Frage, wieso denn in der Szene immer jene Charaktere dominieren, die man sehr richtig als männlich identifiziert, leicht zu beantworten: Dies ist bereits in der ganzen männerbündischen, existentialistisch aufgeladenen Revolutionsromantik und der damit einhergehenden Kampf-Ästhetik der Partisanen angelegt, die den zentralen Mythos antifaschistischer ‚Praxis‘ bilden. Geht man davon aus, dass männliche Gewaltneigung Ausdruck einer misslungenen Sozialisation und insbesondere der Unfähigkeit, libidinöse Objektbeziehungen herzustellen, ist, dann verwundert nicht, dass dies nicht nur prekarisierte Freitaler, sondern, wenn vielleicht auch im geringeren Maße, auch Bremer Studenten betrifft. Es drängt sich der Verdacht auf, dass unter Antifaschisten und linken Ultras nicht wenige sind, die primär nach Orientierung, Gruppenzusammenhalt suchen und für das Ausleben ihrer Männerfantasien Gründe benötigen – und das ist exakt die Rolle, die sie der Theorie zugestehen. So wird klar, dass eine kritische Reflexion auf eigenes Handeln nicht nur nicht erwünscht ist, sondern als Verrat und Zersetzung begriffen werden muss.

Wenn das Thema zur Sprache kommt, dann nur als platte Szene-Diskussion, als pseudo-selbstkritisches Gerede über die ‚Gewaltfrage‘. Bei deren ritualisierter Beantwortung könnte man eher meinen, es ginge darum, lädierten Nazis, die außer der Gegengewalt keine Sprache verstehen, eine Träne nachzuweinen, anstatt sich zu bemühen, revolutionsliturgische „Investition[en] sinnloser Tätigkeit“, die „mit den trugvollen Zeichen des Ernstes und der Bedeutung“ (Adorno 2003a: 79) aufgeladen sind, ihrer – im besten Fall – Nutzlosigkeit und Tendenz zur Regressivität zu überführen. Als wäre zum Beispiel größtmöglich informierte und informierende Aufklärungsarbeit über die Nazi-Szene und das, was sonst noch alles deutsche Ideologie zu nennen ist, nicht schon sehr probate Antifa-Arbeit, speziell dort, wo keine nazistischen Schlägertrupps regelmäßig durch die Straßen ziehen. Doch damit mögen sich manche, da es dabei mehr um Besonnenheit und Akribie als um Kämpfen ginge, nicht zufrieden geben – ganz unabhängig davon, ob es unmittelbar erforderlich ist oder nicht. Dies wird deutlich, wenn das, was unumkehrbar 1933 und 1992 nicht verhindert wurde, identitär und zwanghaft im Jetzt durch die eigene Faust verhindert werden soll; die historische Analogie ersetzt die historische Einordnung. Bei einer antifaschistischen Strafexpedition nach Heidenau beispielsweise kann es nur um zweierlei gehen, nämlich um Prügel für Nazis (das ist nie verkehrt) und darum, den Staat als eine Instanz zu entlarven, die auch (und gerade) linke Gewalt unterbindet, was aber im Begriff des staatlichen Gewaltmonopols bereits angelegt ist und folglich keines Beweises bedarf. Angesichts einer solchen Einsicht, die nie eine war – was die BA freilich nicht daran hindert, es fortwährend und in größtmöglicher Plattheit als eine solche zu verkaufen (vgl. BA 15.8.15) – kann man sich des Gefühls nicht erwehren, dass manch einer wohl beleidigt ist, wenn der Staat dann doch, wenn auch wieder mal zu spät, seinen Pflichten nachkommt. Ganz so als ginge es nicht in erster Linie um die Sicherheit der Flüchtlinge, sondern nur darum, dass es die Antifa war, die den Nazi klatscht, also darum, sich dem Staat als bessere Polizei anzudienen oder sich gleich als alternativer Staat in Stellung zu bringen.

Dabei wäre es doch unter den gegebenen Umständen die einzige Lösung, wenn Polizei und Justiz das Gewaltmonopol mit aller rechtsstaatlich gedeckten Härte gegen rechtes Gesindel einsetzten. Dafür kann es kein Ersatz sein, dass es ein paar Mal antifaschistische Schläge hagelt, die die wenigsten Nazis zukünftig davon abhalten, weitere Gewalttaten zu begehen. Schlimmer noch: Wenn rechte gegen linke Bande kämpft, verstärkt dies Justitias Blindheit und mindert ihre Fähigkeit und ihren Willen, zwischen den politischen Motiven der Gewalttäter zu unterscheiden. Worum es doch gehen sollte, ist Nazis, also die Personen, die die deutsche Ideologie neben den Islamisten am greifbarsten und gefährlichsten verkörpern, handlungsunfähig zu machen. Und da „Nazis jagen bis zum Kommunismus“ (RAB Hamburg zum „Tag der deutschen Patrioten“ am 12.9.2015) wohl heißen soll, sie ins Krankenhaus zu prügeln, bis der Straßenkampf, auf dessen Niveau man sich selbst unbedingt einlassen möchte, nächsten Monat weitergeht, ist es wohl ganz eindeutig die einzig vernünftige Option, den Staat nun beim Wort zu nehmen, auf dass der Heidenauer und „Hogesa“-Mob ins Kittchen wandert. Die für den Kämpfer einzig konsequente Tat, die Nazis in Eigenregie entweder zu töten oder für immer auszuschalten, muss ein sinnvoll verstandener Antifaschismus sich jederzeit offen halten. Er muss aber vor allem die gegebenen Verhältnisse zur Kenntnis nehmen, in der Nazis im gesellschaftlichen Ansehen auf niederster Stufe stehen und permanent im Fernsehen oder in den sozialen Netzwerken als Dummbeutel oder Pack verhöhnt werden, dass also von einer Akzeptanz, Toleranz oder gar einem faschistischen Staat keine Rede sein kann. Das heißt auch, dass es die Sache ganz offensichtlich nicht wert ist, dafür ins Gefängnis zu gehen. Denn wenn überhaupt etwas hilft, dann doch die nur über den Staat herzustellende Einsicht, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse und die Autoritäten den Nazis entgegen stehen. Vom Staat kann man vernünftigerweise nur wollen, dass er das allgemeine Recht der Willkür entgegensetzt, solange es Schlimmeres gibt, als diese Form staatlichen vermittelten Zwangs (vgl. Scheit 2005). Ein Staat, der sich dem Recht verpflichtet fühlt, kann natürlich nicht dulden, dass irgendein Racket über Leben und Tod entscheidet. Würde also das Prinzip des allgemeinen Rechts „abstrakt negiert; würde als Ideal verkündet, es solle, zur höheren Ehre des irreduzibel Qualitativen, nicht mehr nach gleich und gleich zugehen, so schüfe das Ausreden für den Rückfall ins alte Unrecht.“ (Adorno 2003c: 150) Wie beim kapitalistischen Äquivalententausch, der von der Kritik „als [der] von Gleichem und doch Ungleichem enthüllt [wird], […] zielt die Kritik der Ungleichheit in der Gleichheit auch auf Gleichheit, bei aller Skepsis gegen die Rancune im bürgerlichen Egalitätsideal, das nichts qualitativ Verschiedenes toleriert.“ (ebd.) Dies auszusprechen, was eigentlich jedem klar ist, verdunkelt zumeist bei aller Empörung darüber, wie konsequente antifaschistische Kritik denn auf die Idee käme, die eigenen Reihen zu kritisieren, die Evidenz, dass der ritualisierte antifaschistische Protest inzwischen oft nichts weiter ist, als Seit an Seit mit dem Staat das Bild vom besseren Deutschland zu bewerben, was in Heidenau denn auch genau so durchexerziert wurde.

Es ist eben in der Tat ein Unterschied ums Ganze, dass staatliche Institutionen die Straßenschlacht vermeidbar machen, die Subjekte zu allem anderen auch noch solcherart zurichtet, dass sie durch die Gewöhnung an Auseinandersetzungen körperlicher Gewalt abstumpfen und Gefahr laufen, dies gar als ihren ‚Lebenssinn‘ zu begreifen.

Deswegen, aber nicht nur deswegen, ist die Heroisierung und der Gewaltfetisch, der in dem Slogan „Wenn ich groß bin, möchte ich so werden wie Valentin!“ einen denkbar dämlichen Ausdruck finden, nichts weiter als ein Aufruf dazu, dass noch mehr Antifaschisten ihr Leben weitgehend unnötig im Knast fristen, um dann nichts weiter zu haben als die wohlfeile „Solidarität“ ihrer „Brüder“. Die u.a. während der Demo mehrfach durch den RAB vorgenommene und auch in Ultra-Kreisen geläufige Ersetzung des Begriffs des „Genossen“ durch den des „Bruders“ ist bezeichnend: Zielt die Genossenschaft als „ein Zusammenschluss von natürlichen beziehungsweise juristischen Personen, deren Ziel der Erwerb oder die wirtschaftliche beziehungsweise soziale Förderung ihrer Mitglieder durch einen gemeinschaftlichen Geschäftsbetrieb ist“ (Wikipedia) noch auf einen vertraglich vermittelten Zusammenschluss mehrerer zu einem für sie sinnvollen Zweck, der im Zweifel auch aufgekündigt werden kann, drückt sich im Begriff des Bruders bereits die Bandenstruktur aus, deren Urform immer die Familienbande, La Familia, ist, aus der es kein Entrinnen gibt. Ähnlich wie der faschistische Märtyrer taucht hier „der heroische und männliche Einzelkämpfer“ erst in dem Moment auf, wo schon alles vorbei ist, und verschwindet ansonsten „hinter der Kollektivität […], dem Kampf in den Reihen der Bewegung.“ (Reichardt 2002: 669)

Das, was hier ‚Solidarität‘ genannt wird und auf der Demo, wie wohl kaum anders zu erwarten, nicht nur mit besonders kämpferischer Betonung, sondern im astreinen Stil einer Reichsparteitagsrede heraus krakelt wurde, muss gerade dann in kritischer Absicht erfasst werden, wenn man gewillt ist, dem Wort eine wichtige Bedeutung zuzuerkennen. Über den konkreten, Übelkeit erregenden Vortrag hinaus wird deutlich, dass hier Etymologie, Verschlagwortung wie überhaupt der ganze Gedanke dahinter in den allermeisten Fällen schon alles Organische in sich tragen, wogegen sich Ideologiekritik zu wenden hat. Die Einsicht, es müsste einer vernünftigen ‚Praxis‘ darum zu tun sein, die Welt „nach dem Bedürfnis einer Menschheit ein[zu]richten, die der Gewalt nicht mehr bedarf, weil sie ihrer selbst mächtig ist“ (Adorno 2003a: 95 f.), bleibt systematisch auf der Strecke.

Denn wie sonst ist ein Gestus zu verstehen, der die Gewalt als Zweck an sich erscheinen lässt, der, wie beim Faschisten Luigi Freddi „die Faust [als] Synthese der Theorie“ (zit. n. Reichardt 2002: 663) propagandiert, wenn ganz unmissverständlich klar gemacht wird, dass es vor allem auf „Schläge für die Faschisten“ (RAB 15.8.15a) hinauslaufen soll.

Dies ist nur der konsequenteste Ausdruck davon, Erlösung bloß in einer kollektivistischen Eigentlichkeits-Konstruktion aufgehen zu sehen. „Unsere Solidarität“ – „ihre Repression“ imaginiert konkrete antagonistische Handlungseinheiten statt sich an so etwas wie eine bestimmte Negation der Verhältnisse zu machen, sich also zunächst „unter dem verweilenden Blick des Gedankens“ (Adorno 2003c: 38) der „vernünftige[n] Einrichtung der Gesamtgesellschaft als Menschheit“ (Adorno 2003b: 618) zu nähern. Wer sich aber danach sehnt, selbst über den Ausnahmezustand zu entscheiden und dabei „verfehlt, den gesellschaftlichen Prozess als Gesamtprozess zu verstehen“, der gelangt „innerhalb dieses Prozesses zu einer Scheidung produktiver und nicht produktiver Funktionen“ (Adorno 2003: 83), denunziert also alle, die nicht in den Straßenkampf ziehen wollen, in schlechter Tradition als verweichlicht (vgl. Mosse 1997: 173).

So ist es BA und RAB kein Unterschied, ob nun Nazis oder das bürgerlich-parlamentarische System adressiert werden, als wäre der geballte Antiparlamentarismus von Links wie Rechts, der heute wie früher nur auf Volkes „opake Unmittelbarkeit“ (Adorno 2003c: 161) zielt, nicht gehöriger Teil des Problems. Der Ausspruch des Sqadrenführers Italo Balbo: „Die Entscheidung liegt heute außerhalb des Parlaments. Nicht immer ist eine überhebliche Intelligenz ebenso viel wert wie ein Mann mit Mut und Entschlossenheit“ (zit. n. Reichardt 2002: 662) könnte so auch von dem RAB kommen und auch die BA führt gegen den verhassten bürgerlichen Individualismus straßenkämpferische Kameradschaftsgedanken (vgl. Reichardt 2002: 653) ins Feld. Der Gestus, der z. B. in der Motivik des Free-Valentin-Shirts zum Ausdruck gebracht wird, ist deswegen kein bisschen mehr als bloße gewaltästhetische Romantik, „die Gesellschaft in Formen der Nähe und Unmittelbarkeit“ denunziert und „ihre Schuld den Phänomenen zu[rechnet].“ (Adorno 2003a: 95 f.) Es wird eine „synthetische Bilderwelt“ erzeugt, die „den gescheiterten, doch zwangsläufigen Versuch dar[stellt], dem Erfahrungsverlust, wie ihn die moderne Produktionsweise involviert, zu entrinnen und durch selbstgemachte Konkretion der Herrschaft des abstrakt Gleichen sich zu entziehen.“ Lieber mag man hier „das Konkrete sich selber vorspiegeln als die Hoffnung von sich werfen, die daran haftet.“ (Adorno 2003a: 85)

In der Rede von „ihrer Repression“, der man „unsere Solidarität“ entgegenzusetzen habe, wird nichts weiter als eine kollektivistische „Theorie des Urzustands“ imaginiert, die „die Möglichkeit des Menschen nur zu denken [erlaubt], indem sie in eine Gegebenheit verzaubert [wird]“ (Adorno 2003a: 89 f.): „Hoffnung [liegt] nur bei der Urgeschichte der Menschheit.“ (Adorno 2003a: 88) Genau darin liegt die bezeichnende Ähnlichkeit zur Unmittelbarkeit der Tat im pragmatistischen Vitalismus der faschistischen ‚direkten Aktion‘ (vgl. Vogt 2002). BA und RAB sind offenkundig nur in der Lage, im kämpferischen Partisanenmodus zu denken und zu schreiben. Die Rede vom „demokratischen Knechtsbewusstsein, das die Grundlage für die faschistischen Schlüsse“ bilde (RAB 15.8.15a), ähnelt so nicht zufällig der faschistisch-antibürgerlichen Rede von „servile[r], feige[r] Staatsautorität“ (zit. n. Reichardt 2002: 648). Nicht etwa wird beklagt, dass der Staat unverhältnismäßig und ausschließlich einen Linken einsperrt oder dass er auch linke Gewalt zu unterbinden sucht. Die Kritik an dem, was zunächst wohl eine Analyse allgemeinen positiven Rechts und dessen subjektiver Tatbestandsmerkmale sein soll, beschränkt sich allen Ernstes auf den gebrochenen Stolz der Bruderschaft: „Weil der Staat will das wir alle uns seinem Recht unterordnen und bedingungslos beugen“; „Es wird also dem Täter vorgeworfen, er würde sich nicht genügend unterordnen wollen, er würde vor der staatlichen Rechtsordnung nicht tief genug kriechen!“; „Wir haben festgestellt es geht dem Staat bei der Bestrafung um unser Kuschen vor der Rechtsordnung.“ (RAB 15.8.15b) Angesichts dessen kann es gar nicht mehr wundern (man weiß nur nicht, wie ein Linker so dämlich sein kann, es auch noch offen auszuplaudern), dass der antifaschistische Leitslogan des RAB darin besteht „sich gegen faschistische Angriffe gerade zu machen“ (RAB 15.8.15a), was nichts weiter ist als das Appellieren an einen kämpferischen männlichen Ehrbegriff, der in gleicher Form auch bei den Faschisten integral ist. So reagierten rechte Fans von Rot-Weiß Essen auf die Auseinandersetzung in Bremen mit dem Soli-Spruchband „NSHB (Nordsturm Hansestadt Bremen, die Verf.) – Stabil Bleiben!!!“.

Faschisten und Nationalsozialisten jeder Art galten und gelten nicht zuletzt „die emotionale Entschlossenheit“, „Haltung und Ausdruck“ als zentrale Bezugsgrößen und rangieren mitunter „vor dem politischen Inhalt“ (Reichardt 2002: 658). Hier wird „bis in die Vulgärsprache hinein, die Menschen lobt, wofern sie positiv seien, schließlich in der mordlustigen Phrase von den positiven Kräften, […] das Positive an sich fetischisiert.“ (Adorno 2003c: 162) Für den Konkretisten, für den Faschisten, für den linken Revolutionär „gibt [es …] keine Rechtfertigung versöhnten Lebens, als dass es noch gegebener, noch positiver, noch daseiender sei als die Hölle des Daseins.“ (Adorno 2003a: 89f.) Dieser Drang zur Tat, der sich gesellschaftlich als männliches Prinzip offenbart, war und ist ganz und gar wesentlich für die faschistische Ideologie (vgl. Mosse 1997: 203–233). Diesen zu bekämpfen, indem man den Schlägerbanden eigene entgegenstellt, ist, um es klar zu betonen, noch kein Faschismus, sondern ähnelt diesem in der Form, nicht im Inhalt. Wer aber glaubt, deswegen Entwarnung geben zu können, liegt vollkommen falsch: Es ist gerade zentrales Merkmal der irrationalen Verhältnisse, Mittel und Zweck zu vertauschen. Eine fragwürdige Form, martialisches Auftreten, Männerbündelei, der Drang ins Positive und zur Tat, ein alberner Militanzfetisch und Anschläge auf die Sprache sind keine lässlichen Sünden, von denen man einen „eigentlich“ richtigen Inhalt abstrahieren kann. Gerade weil jeder Inhalt nur durch die Form vermittelt werden kann, ist eine verhunzte Form die angemessene Darstellungsform einer inhaltlichen Armseligkeit, die denen der Faschisten ähnelnde Bedürfnisstrukturen nur mühsam kaschieren kann.

So legen auch die zahlreichen Solidaritätsfotos, auf denen maskierte Menschen mit gereckten Fäusten oder sonstigen Gegenständen, die wohl Waffen sein sollen, teilweise mit nackten Oberkörpern und natürlich das ultratypische Leuchtfeuer-Panorama zu sehen sind, Zeugnis davon ab, was hier allein im Vordergrund steht: eine Brüderlichkeit, die sich wesentlich als eine in diesem Fall linke ‚Männerfantasie‘ darstellt. In Form und Inhalt (‚Theorie und Praxis‘) des RAB-Antifaschismus ist dies überdeutlich und es wird klar, dass es sich nicht einfach nur um eine Gewaltideologie (vgl. Theweleit 2005) handelt, sondern als unheilvolle Verknüpfung von männlicher „prowess“ und unbedingtem Drang zur Tat betrachtet werden sollte. Als hätte die Attraktivität der faschistischen Männerkampfbünde (vgl. Balistier 1989; Reichardt 2002: 660–695) nicht eben genau in jener ‚virilen Männlichkeit‘ (vgl. Bruns 2008; Winter 2013) gelegen, die gerade auch bei Ultras so häufig anzutreffen ist (vgl. Gabler 2011; Sülzle 2005). Auch hier ist die kurveneigene Gewaltästhetik und die im Prinzip der (Fan-) Bande angelegte Feindschaft gegen die Fremdgruppe, ohne die es im Fußball bis jetzt nicht zu gehen scheint (und die zu problematisieren auch im „offenen Diskurs“ der sich als progressiv begreifenden Ultras unerwünscht ist), selbst im besten Fall und bei Menschen mit den besten Absichten nichts weiter als der absurde Versuch, die faschistische Tendenz, die dem Fußball und insbesondere seinen Fans innewohnt, einzudämmen, während man sie selbst aktiv reproduziert. „Nichts aber ist moderner als diese Archaik: die sportlichen Massenveranstaltungen waren die Modelle der totalitären Massenversammlungen. Als tolerierte Exzesse verbinden sie das Moment der Grausamkeit und Aggression mit dem autoritären, dem disziplinierten Innehalten von Spielregeln: legal wie die neudeutschen und volksdemokratischen Pogrome.“ (Aodrno 2003a: 79). Es gälte also doch diesen „bösen Blick“, der „Phänomene [trifft], welche man verfehlt und verharmlost, solange man sie als bloße Fassade der Gesellschaft von obenher abtut, ohne bei ihnen zu verweilen“ (ebd.) konsequent beizubehalten, gerade wenn man sich selbst affirmativ z.B. als „Fußballfan“ oder „Ultra“ begreift. Ist aber bereits Kritik am Charakter bandenmäßig organisierter Fans, die von der Initiation, den Anwärtern, dem engen Zirkel, einer Gruppenkluft bis zum eisernen Dichthalten nach außen kriminellen Vereinigungen wie Motorradgangs ähneln, unter linken Ultras nur selten Thema, will man dort vom Charakter des Fußballs als Massenveranstaltung, die man so tatkräftig mitinszeniert, schon gar nichts wissen.

Es ist keineswegs zufällig, dass die Auseinandersetzung mit Ästhetik, insbesondere der des Faschismus, in der Linken merkwürdig unterbelichtet blieb, obwohl doch vom Faschismus immerfort die Rede ist. Die Ahnung, dass es hier unheilvolle Verknüpfungen mit dem gibt, was man selber verkörpert und politische Praxis nennt, dass man in einer postnazistischen Gesellschaft selbst fast zwangsläufig zum Fortleben des Nazismus beiträgt, ist vorhanden, wird aber abgespalten und verdrängt. Besonders offenbar wird das an der Art und Weise, in der der „Szenediskurs“, der sich z.B. immer besonders gender-sensibel gibt und Antideutsche routiniert als „Sexisten“ denunziert, am Ende doch nicht mehr kann, als den Drang zur Tat, der historisch als männliches Prinzip in Erscheinung tritt, in queer-farbener Maskerade zu exekutieren, als ginge es darum, „dass die verstümmelten Sozialcharaktere der Frauen den verstümmelten Sozialcharakteren der Männer gleich werden.“ (Adorno 2003a: 82) So tauchen „Schwestern“ bei der RAB auch allenfalls als opferbereite Mitkämpferinnen (vgl. Reichardt 2002: 674–676) im kurdischen Kobane auf.

Wer also seine „Mittel […] nicht anhand des StGb auswählen möchte, sondern danach ob sie tauglich für [die eigenen] Zwecke sind“ (RAB 12.8.15), täte gut daran, diese Zwecke nach den wirklichen Erfordernissen antifaschistischer Praxis auszurichten – nicht nach dem eigenen Beleidigtsein, nicht nach dem eigenen Bedürfnis zur gewaltsamen Auseinandersetzung, also „ohne Opfer und Rache“ (Adorno 2003c: 145). Das würde ausschließen, sich dumpf und begriffslos als „Revolutionäre der gesellschaftlichen Moralbegriffe“ (Reichardt 2002: 658 f.) zu gerieren, wie es auch die historischen Faschisten taten. Und schon gar nicht sollte man sich solcherart aufführen, als hätte man vor allem anderen zunächst fleißig ein detailgenaues Studium faschistischer Ästhetik betrieben, wovon sich die Arbeiterliturgie als eigener Beitrag zur ‚Nationalisierung der Massen‘ bekanntlich immer schon nur geringfügig unterschied (vgl. Mosse 1976: 190–212): „Der sowjetische Realismus und die offizielle nationalsozialistische Kunst hatten auch viele herausragende Merkmale gemein: begeisterte Gebärden, hocherhobene Köpfe, offene und ehrliche Blicke. Auch in ihren Versinnbildlichungen von Willenskraft, Massivität und Stärke unterschieden sie sich nicht, und hier wie dort gehörte die Kameradschaft zu den beliebtesten Themen.“ (Mosse 1997: 171)

Angesichts allgegenwärtiger und ’strictly‘ antifaschistischer Rhetorik ist offenkundig, dass hier eine massive Verdrängungsleistung vorliegt, die auch den ‚bürgerlichen‘ Allgemeinplätzen und Vorstellungen vom und zum Nationalstaat wie von Gesellschaft insgesamt innewohnt und das Völkische nur als Bestandteil eines vulgären Nationalismus der exterritorialisierten Neonazis abspaltet. Vor diesem Hintergrund ähnelt der verbissene Kampf gegen die zum Glück sehr wenigen Neonazis, die in Bremen offenbar weitestgehend immer noch dieselben versprengten und zugleich ohne Frage mitunter schlagkräftigen Elendsgestalten wie schon vor Jahren sind, so verdächtig dem staatsoffiziellen „Aufstand der Anständigen“ (G.Schröder). Das eigene nazistische Bedürfnis nach Kollektiv, Männerbund und Bruderschaft wird am Neonazi umso verbissener bekämpft, weil sich dieser besser als jeder andere als Projektionsfläche eignet. Es ist erstaunlich, dass ihnen keiner auf die Schliche kommt, auch wenn es so offensichtlich und in Verknüpfung mit der faschistischen Männlichkeitsvorstellung daherkommt wie beim RAB. Die Art und Weise, in der hier Kollektive als revolutionäre Subjekte imaginiert und ein Kampf auf Leben und Tod beschworen wird, lässt einen nur hoffen, dass es so weit nie kommen möge. Anstatt fortwährend eine Gesellschaft zu beweinen, die so fürchterlich patriarchal sei, die Sprache mit lauter _innen zu verhunzen und lustfeindliche Verhaltensregeln aufzustellen, wäre es an der Zeit, einmal die Frage zu stellen, welcher mythische Gesellschaftsbegriff dem eigenen Unternehmergeist zugrunde liegt und inwiefern die Hinwendung zu einem zu erkämpfenden Naturzustand selbst dazu beiträgt, das männliche Prinzip fortwährend zu reproduzieren. Valentin wäre jedenfalls zu wünschen, dass er auf die Solidarität dieser „Brüder“ pfeift, auf seinen Anwalt hört, an Anti-Gewalt-Trainings teilnimmt und die Gelegenheit wahrnimmt, aus der Szene auszusteigen, um ein kritisches Mitglied nicht irgendeines Rackets, sondern der noch herzustellenden Menschheit zu werden.

Quellen:

Sternhell, Zeev (1999): Die Entstehung der faschistischen Ideologie. Von Sorel zu Mussolini, Hamburg: Hamburger Edition.

RAB (15.8.15a): Rotfront gegen die Faschisten. Freiheit für Valentin, Flugblatt vom 15.8.2015.

Basisgruppe Antifaschismus (15.8.15): Für ein Ende der Gewalt, Demobeitrag und Flugblatt vom 15.8.2015, online: http://basisgruppe-antifa.org/wp/2015/08/15/fuer-ein-ende-der-gewalt/

RAB (15.8.15b): Rotfront!, Demobeitrag vom 15.8.2015

Demoaufruf verschiedener Ultragruppen, online z. B.:

http://infamousyouth.org/?content=showNews&id=47

Scheit, Gerhard (2005): Der neue Behemoth und die alten Grenzen des Liberalismus, Bahamas 48.

Vogt, Peter (2002): Pragmatismus und Faschismus. Kreativität und Kontingenz in der Moderne, Weilerswist: Velbrück.

Adorno, Theodor W. (2003b): Fortschritt, in: Ders.: Gesammelte Schriften, Bd. 10.2, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, S. 617–638.

Winter, Sebastian (2013): Geschlechter- und Sexualitätsentwürfe in der SS-Zeitung ‚Das Schwarze Korps‘. Eine psychoanalytisch-sozialpsychologische Studie, Gießen: Psychosoizal-Verlag.

Adorno, Theodor W. (2003a): Veblens Angriff auf die Kultur, in: Ders.: Gesammelte Schriften, Bd. 10.1, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, S. 72–97.

Gabler, Jonas (2011): Fußball als Männerbund. Die Rolle der Frau in der Fußballkultur, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, 7/2011, S. 60–67. Berlin: Blätter Verlagsgesellschaft.

Sülzle, Almut (2005): Fußball als Schutzraum für Männlichkeit? Ethnographische Anmerkungen zum Spielraum für Geschlechter im Stadion, in: Koordinationsstelle Fanprojekte (Hrsg.): gender kicks. Texte zum Fußball und Geschlecht, Frankfurt a. M., online: http://www.kos-fanprojekte.de/index.php?id=211

Aktionsbündnis gegen Wutbürger (2014): Der große Agitator, https://abgwb.wordpress.com/2014/08/14/der-grose-agitator/

Theweleit, Klaus (2005 [1977, 1978]): Männerphantasien 1 + 2, München/Zürich: Piper.

Bruns, Claudia (2008): Politik des Eros. Der Männerbund in Wissenschaft, Politik und Jugendkultur (1880–1934), Köln/Weimar/Wien: Böhlau.

Reichardt, Sven (2002): Faschistische Kampfbünde. Gewalt und Gemeinschaft im italienischen Squadrismus und in der deutschen SA, Köln/Weimar/Wien: Böhlau.

Balistier, Thomas (1989): Gewalt und Ordnung. Kalkül und Faszination der SA, Münster: Westfälisches Dampfboot.

Mosse, George L. (1997): Das Bild des Mannes. Zur Konstruktion der modernen Männlichkeit, Frankfurt a. M.: Fischer.

Nassehi, Armin (2009): Der soziologische Diskurs der Moderne, Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

Schlemmer, Thomas; Woller, Hans (2014): Essenz oder Konsequenz? Zur Bedeutung von Rassismus und Antisemitismus für den Faschismus, in: Dies. (Hrsg.): Der Faschismus in Europa. Wege der Forschung, München: De Gruyter Oldenbourg, S. 123–144.

Mosse, George, L. (1976): Nationalisierung der Massen. Politische Symbolik und Massenbewegungen in Deutschland von den Napoleonischen Kriegen bis zum Dritten Reich, Frankfurt a. M.: Ullstein.

Adorno, Theodor W. (2003c): Negative Dialektik, in: Ders.: Gesammelte Schriften, Bd. 6, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, S. 7–412.

Cailllera (2013): Fußballfans gegen Antisemitismus. http://caillera.net/fussballfans-gegen-antisemitismus/

Radio Bremen (2015) Polizei will härter gegen „Ultras“ vorgehen http://www.radiobremen.de/sport/fussball/werder/werderfansangriff100.html

Adorno, Theodor W. (2003d): Minima Moralia, in: Ders.: Gesammelte Schriften, Bd. 4, Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

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10 Antworten zu Solidarität als linke Männerfantasie. Eine Bremer Regression

  1. Ultrabrutale schreibt:

    Danke!

  2. maniküre schreibt:

    Sehr gut.

  3. Joe schreibt:

    Der Text verhindert seine Adresse bzw. sein Ziel selbst durch die Art und Weise des Textes selbst. Und eine Kritik ohne Adressaten ist keine (ernstzunehmende) Kritik und damit schon gar keine konstruktive, diskurseinleitende Kritik.
    Dabei widerspreche ich gar nicht, dass innerhalb der Ultrákultur (wenn man denn von einer solchen sprechen möchte) derartige Diskussionen nicht angebracht wären.
    Aber die Art und Weise bzw. Form des Textes nervt mich, wirkt sie schlicht auch als Erhöhung des eigenen Selbst über die vermeintlichen Adressaten, die ich als Ultras bzw. sich als links betrachtende Ultras ausgemacht habe, sowie namentlich erwähnte Antifakultur( wenn man denn parallel zu oben davon sprechen möchte) aus der Stadt des SV Werder.
    Mit einem derartigen Text wird absolut gar nichts erreicht, weswegen er scheinbar aus Selbstzweck des Schreibenden verfasst wurde. Sollte ernsthaftes Interesse an einer thematischen Auseinandersetzung bestehen, wäre der Text anders gestaltet. Dabei fordere ich keinesfalls, dass ein derartiger Text auf ‚BILD-Niveau‘ verfasst sein sollte und natürlich gibt es gewisse Standards eines derart komplexen Textes, dennoch wäre eine sprachliche Annäherung an die Adressaten konstruktiv und nötig, um das Ziel des Textes möglich zu machen. Aber das kritisiere ich an vielen Texten, die in derartigen Kreisen verfasst werden und du weißt selbst ja auch um diese Kritik.

    Ein weiterer Ärgernisfaktor ist für mich, dass ein derartiges Thema für eine derartige Diskussion missbraucht wird. Natürlich bin ich mir der Begleiterscheinungen von Ultrá-, aber auch Antifakultur(Klammerinhalt s.o.) bewusst und ich bin mehr als viele andere um eine Diskussion eben jener bereit, dennoch ist eine Solidaritätskampagne einem Heranwachsenden, der grade sein scheiß Leben wegen diesem Scheiß verbockt, der falsche Platz dafür. Um weiterzugehen, es ist eine maßlose Frechheit und ich hätte Lust dem_der Autor_in dafür ins Gesicht zu spucken. Der Junge sitzt verdammt nochmal im scheiß Knast, wie kann man sich anmaßen auf seinem Rücken diesen Text zu schreiben? Ist man sich bewusst, welche Auswirkungen die momentane Lage für ihn hat? Scheinbar nicht. Und da sind mir dann mackerhafte Bilder von Ultras XY , die checken, dass da etwas verdammt schief läuft und ein Junge in Gefahr ist, alles verbaut zu bekommen, lieber, als ein derartiger Text, von Menschen, die meinen, sie hätten irgednwas begriffen

  4. peng schreibt:

    Zur Maskerade links-akademischer „Aufklärer“-Rackets (IST bereits gegendert!), die unter schönen Worten ihre materiellen Interessen zu verstecken suchen, ist folgendes zu sagen: Wer so ausdauernd seit Jahren das Schreckgespenst der linken, repressiven Kollektivität aufbaut, um dann immer wieder auf die progressive Lebensform Lohnarbeiter und Untertan hinzudeuten, dem wollen wirs auch abnehmen: Bürger wollt ihr sein und sollt es auch, auf Kosten all derer, die an der Gewalt dieser Lebensform durch die Armut, die ihr nicht ertragen müsst, durch die Ausgrenzung, die ihr nicht ertragen müsst, zu Grunde gehn. Diese partikularen Problemchen eurer aufklärerischen Universalität Recht können auf eine Weise am besten übertüncht werden: indem denen, die die Ursachen noch abschaffen wollen (wahlweise und je nach Tagesform die Anarchist_innen, Antifaschist_innen oder eben irgendwas anderes, was gerade noch die Bremer Straßen mit politischen Inhalten bespielt), ihre offensichtliche „Regressivität“ gemessen in Grad Adorno nachgewiesen wird. Dann lebt es sich als akademische Kartoffel mit kosmopolitischem Selbstverständnis sehr viel besser. Wir Straßenkämpfer (IST schon gegendert!) werden eure petit-bourgeoisen Köpfe rollen lassen, wenn das Volk uns in die Bürgerschaft trägt!
    Ah! ça ira, ça ira, ça ira, Les aristocrates à la lanterne!

  5. manu schreibt:

    wenn man zu ende gelacht hat, bleibt zu sagen: wie immer soll das blut in sonderheit dann fließen, wenn staatsunmittelbarkeit hergestellt ist. der akademiker quittiert so etwas mit einer dreiteiligen abbreviatur und beobachtet dann, als zaungast, wer in bremen mit solchen leuten noch sich abgibt.

  6. Hr. Feigenbaum schreibt:

    Zunächst einmal muss ich mich ich vielen Lesern anschließen, und mich fragen wie der Autor allen ernstes so dumm sein kann, dass er seinen Kritikern vorhält, die falsche Form für ihre politische Arbeit zu wählen und gleichzeitig nicht bemerkt, wie er selbst in der Form so unglaublich scheitert, dass man ihm wirklich nur mit größter Mühe den tatsächlichen Anspruch, konstruktive Kritik zu der Thematik beizusteuern, abzunehmen versuchen kann.
    Aber ob der Ausführlichkeit, Vehemenz und Qualität des Rundumschlags mit „der Szene“ kann man schon ja irgendwie davon ausgehen, dass dem Verfasser hier eine große Enttäuschung über eine ihm doch eigentlich gar nicht so unwichtige Sache durch die Schreibfeder gequollen ist.
    Und das finde ich eigentlich das spannende und da wechsel ich jetzt, ich hoffe es ziemt sich, einfach mal in die du-Form: Was lässt dich so zur Umkehrung(und damit Spiegelbild) des vermeintlichen Wutbürgers Bremer Antifa-Ultra werden, dass es deine an sich ja spannenden Gedanken bezüglich einer schwierigen Thematik so unkonstruktiv, borniert und konsterniert in einer Form verpuffen lässt, die mindestens eine so identitäre Qualität hat, wie das Wirken der hier von dir kolportierten „Antifa-Ultra-Szene-Männerphantasten“. Nur eben auf der Ebene des perfekten „kritischen“ Subjekts statt des widersprüchlichen Kollektivs, was auf den heutigen neoliberalen Ich-Märkten umso angepasster und verwertbarer daher kommt.
    Aber zurück zum konkreten Fall: da treiben die staatlichen Repressionsorgane die jungen antifaschistischen Menschen den Nazis im wahrsten Sinne des Wortes in die Arme und führen danach eine Art Schauprozess mit völlig unverhältnismäßiger U-Haft durch und dir fällt nichts anderes ein als an den Glauben in die Anpassung des Staatsapparats zu appellieren und mehr als ein Dutzend Adorno-Passagen für eine Erkenntnis hinhalten zu lassen, von der letztlich nicht viel mehr bleibt als das Allgemeinplätzchen: Gewalt als Reaktion auf Gewalt ist regressiv, macht mal mehr Anti-Gewaltrainings Kinners!
    Natürlich: Die Gewaltfrage zu stellen, wird immer notwendig und vl. gerade in einer solchen Situation umso wichtiger sein; warum das ganze aber in einem Rundumschlag gegen alles und jeden der sich mit Valentin solidarisiert münden muss, bleibt mir völlig unklar. Ich sage das als Mensch, der in der Werder-Fanszene sozialisiert wurde und ihr nun schon seit einiger Zeit nicht zuletzt aufgrund scheinbar unauflösbarer Widersprüche zwischen an sich regressiver, chauvinistischer und aggressiver Fussballkultur und eigenem politischem Anspruch, den Rücken gekehrt habe. So oft ich inzwischen ob der Absurdität der Bemühungen, auf offensichtlich verseuchtem Boden progressive Pflänzchen von Reflexion, Kritik und Diskurs zu sähen, den Kopf schütteln muss, so habe ich doch nie den Respekt vor den involvierten Menschen und die Anerkennung der vorzeigbaren Erfolge Ihres Wirkens verloren. Auch wenn ich inzwischen tatsächlich weiter weg von den Geschehnissen und aktuell Beteiligten bin, würde ich mir immer noch anmaßen einschätzen zu können, das nicht wenige in der Szene an sich offen für die Kritik deinerseits wären, einfach im Bewusstsein dessen, dass die positive Entwicklung in Bremen vor allem durch Reflexion, Kritik und Brüche erst in Gang gekommen ist. Die sich aber verständlicherweise überwiegend genervt abwenden, wenn Ihnen in deinem Text zunächst mal als produktive Provokation verkaufte Diffamierung und abfällige Belehrung entgegenschlägt.
    Man muss dabei auch nochmal vor Augen halten aus welchen Zuständen heraus sich große Teile der Fanszene innerhalb von 10(!) Jahren grundsätzlich verändert haben. Deine Vision und Vorstellung von politischen Subjekten jenseits von regressiven und identitärem Gehabe wäre spannend, würde sie versuchen, irgendwo an dieser Entwicklung(die du doch im Prinzip auch anerkennst, oder nicht?) und ihren spezifischen Subjekten und Biografien im konkreten Kollektivzusammenhang anzudocken, anstatt den Untergang jeglicher Progressivität zu beschwören, nur weil im steten Wankelmut in der Entwicklung der Szene zwischen kompromissbereiter, undogmatischer Zusammenarbeit auf der einen und einschneidenden Brüchen im Sinne eines pluralistischen Idealismus auf der anderen Seite im Moment durch die extreme Emotionalität des Falls Valentin wieder erstere Handlungsorientierung Oberwasser hat (und das sicherlich auch nicht in allen Belangen).
    Deshalb vl. noch ein Versuch, von dir das hervorzulocken, was an deinem eigens formulierten Anspruch von Theorie als Praxis, vl. doch noch in deinen Worten stecken könnte, und eventuell einfach nur in all dem exzessiven Baden in identitärer Herablassung über all die vermeintlich naive, regressive Solidarität untergegangen sein sollte: Was wären für dich die konkreten Folgen deiner Gedanken für die aktuelle Situation und die Szene (außer dass du im im Jargon eines letzen Extremismustheorievollhorsts Valentin zu einem „Szene-Ausstieg“ rätst. Da könntest du eigentlich gleich die Hoffnung aussprechen, dass der Knast im besten Fall seine volle Wirkung entfaltet und die Repression ordentlich fruchtet…)? Auf die progressive Veränderung der Staatsgewalt hoffen (ergo sich solange von Nazis verprügeln zu lassen, bis der Aufschrei groß genug ist)? Das Infiltrieren des Polizeiapparats im Sinne des persönlichen Durchsetzens eines harten Gewaltmonopols gegen Rechts? Radikaler (Individual-?)Parlamentarismus? Ich meine das ernst, ich fände weitere Ausführungen von dir dazu wirklich spannend. (Es sei denn ich überschätze dich, und du bist ernsthaft davon überzeugt, dass mit Weltverbesserung sowieso erst in einer ultra- und antifafreien Welt voller vereinzelter kritischer Subjekte ohne den störenden Regressionsfaktor Kollektivbildung begonnen werden kann…).

  7. abgwb schreibt:

    Sehr geehrter Herr Feigenbaum,

    da Ihr Kommentar mit Fragen verbunden ist, will ich eine Antwort versuchen. Dabei möchte ich es natürlich vermeiden, mich zu wiederholen, deswegen verweise ich als Joker auf den Text, da wird einiges bereits ausgeführt.

    Als erstes: Es ist mir nicht Recht, wenn auf diesen Text oder überhaupt die „du-Form“ verwendet wird. Das Aktionsbündnis gegen Wutbürger ist, wie der Name und die Seite bereits verraten, eine Assoziation von Kritikern, die sich miteinander ins Benehmen setzen. Dieser Text wurde in Teilen von einer Person geschrieben und dann von anderen diskutiert, überarbeitet und ergänzt.

    Nun kommen wir dazu, dass Sie sich widersprechen: Entweder einem liegt der Gegenstand am Herzen und man unterzieht ihn deswegen einer scharfen, aber solidarischen Kritik – oder es handelt sich um eine Kritik, die mit Marx gesprochen ihren Gegenstand vernichten will. Hier scheint mir grundlegend das Missverständnis zu herrschen, dass solidarische Kritik konstruktiv oder mild im Ton zu äußern wäre. Richtig ist vielmehr, diese möglichst offen und schonungslos vorzutragen und die Wellen, die das hier schlägt, bestätigen das. Hier wird dann gesagt: „Also wer so schreibt, auf den hört keiner, auch wenn er richtige Punkte hat.“ Richtig ist vielmehr, dass gerade all die „internen Diskussionen“ und die dort vorsichtig formulierte, „konstruktive Kritik“ (eine contradictio in adjecto), von denen, die es besonders beträfe, sehr leicht weggewischt werden kann. Gegen eine umfassendere, an den Kern des Problems gehende Kritik hilft nur das Instrument der Abwehr, die Verdrängung, Verleugnung oder gleich die Feinderklärung, wie man hier schön sehen kann. Auf diese Weise wird die nagende Einsicht, und sei es in einzelnen Punkten, weit wirkungsvoller transportiert. Den pädagogischen Gestus lehnen wir ab, Kritik, die sich zu ihrem Gegenstand, den sie der Unvernunft überführen will, nicht polemisch verhielte, würde den Gegenstand verfehlen und wäre damit unsachlich.

    Dementsprechend halte ich es für sinnlos, die Kritik, die in ihrer Form dem Gegenstand angemessen formuliert ist, bei dem es sich um bandenförmig organisierter und ausgeübter Gewalt handelt, zu wiederholen, wenn sie bereits beim ersten Mal so merkwürdig verkürzt wurde. Man sollte vielleicht einmal darüber nachdenken, dass dieser junge antifaschistische Mensch, zumindest wenn die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft im Ansatz stimmen, eine Reihe erheblicher Gewaltdelikte auf dem Kerbholz hat. Da ist es nicht zielführend, nur wie ein rechter oder linker Verschwörungstheoretiker von Schauprozess und junger Mensch etc. daherzureden, sondern da muss man sich vielleicht einmal fragen, ob die Struktur, die Kollektive etc. nicht einer Verrohung Vorschub leisten, ob man nicht, vergleichbar anderen wenig erfreulichen Zeitgenossen, mit Waffen hantiert, schwere Gegenstände auf Menschen schleudert, auf am Boden liegende Personen weiter draufgeht, Menschen von hinten attackiert und so weiter. Die Frage lautet eben, ob man sagen kann, dass eine bestimmte Form der Organisation, der Gewaltausübung etc. einfach unter „der Zweck heiligt die Mittel“ abgetan werden kann, ohne dass man sich fragt, ob das nicht eine Verrohung zur Folge hat, die Menschen dahin bringt, mehrfach durch Gewaltausübung auffällig zu werden und ob bestimmte Inhalte hier dann noch mehr sind als eine Rechtfertigung für das Verhalten, vor dem offenbar keine Abscheu (mehr) besteht. Und da wäre ich der Ansicht, dass das Verlieren der Gewalthemmung schlecht ist, dass man die Ambivalenz, dass Gewalt zur Verteidigung notwendig sein kann, aber trotzdem eine ganz schlechte Sache ist, unbedingt beibehalten muss, wenn man sich von Nazis und vielen Polizisten positiv unterscheiden will.

    Nun habe ich damit auf die Frage „Was tun?“ wieder nur eine dieser furchtbar negativen Definitionen bieten können, nämlich die, was nicht zu tun ist: Zum Schläger, zum Männerbund von links werden. Die richtige Lösung kann ich unmöglich bieten und das möchte ich auch nicht, weil man mit dem Problem, dass es im Falschen nicht das richtige Leben gibt, immer konfrontiert ist. Deswegen ist mein Ansatz auch nicht der von Theorie und Praxis, bei dem eine klapprige Theorie zur Rechtfertigung dessen, was man sowieso machen will, aufgestellt wird. Eine Revolution aber braucht keine Theorie und auch der Widerstand gegen Nazis im Weserstadion benötigt keine, es versteht sich von selbst, dass man keine haben will. Mein Ansatz ist der von Kritik und Krise, also dass die Kritik sich zu einer Krise des Kritisierten ausweitet und daher der ernstgemeinte Vorschlag an Valentin, sich von der Geschichte zu lösen, zu studieren, friedfertiger zu werden. Es ist nicht in seinem Interesse und nicht im Interesse irgendeiner Sache, Märtyrer zu produzieren, sondern es ginge darum, zu versuchen, Dinge kritisch zu durchdringen, über sie kritisch hinauszudenken. Es ginge doch wohl zuallererst darum, Valentin aus dem Knast zu bekommen, wo er nicht hingehört und dafür sind die hier beschriebenen Kampagnen wahrhaft nicht nützlich, sie bedienen den Kitsch und festigen das Feindbild, den Zusammenhalt gegen die Außenwelt, verhindert das Nachdenken. Demgegenüber ist der kritische Ansatz, wie den vielleicht Valentin zu helfen wäre und wie man die Apparate dazu kriegt, ihn laufenzulassen, im besten Sinne solidarisch.

    Was ich zudem ganz falsch finde, ist der Gegensatz zwischen vereinzeltem Kapitalsubjekt und Bandenbildung, Sucht nach Zusammenhalt, Identität. Da weiß doch wirklich jeder, dass zwischen beiden ein dialektisches Verhältnis besteht, dass die vereinzelte, verunsicherte Monade sich umso fester an Familie, Volk, Vaterland, Gruppe, Identität klammert, desto überflüssiger sie wird. Die Überwindung dieses Zwangs bestünde eben gerade darin, sich dieses Zusammenhangs bewusst zu werden, um auf Freiwilligkeit basierende, vernünftigen Zwecken dienende Formen des nichtkollektiven Zusammenlebens herzustellen, also den Kommunismus, der nach Adornos gültiger Definition die „Einheit der Vielen ohne Zwang“ wäre, also das glatte Gegenteil eines männlichen Kollektivs.

  8. Ping schreibt:

    Die nicht ganz so subtile Ironie, dass der pawlowsche Geifer männlich gegenderter „Straßenkämpfer“ gerade durch den Anblick eines zur Kenntlichkeit entstellten Bildes repressiver linker Kollektivität getriggert wird, das dementsprechend natürlich nur als „Schreckgespenst“ verstanden werden kann, wird hoffentlich hier und da noch verstanden werden. Wo autoritäre Charaktere, die ihren Phantasien vom Genickschuss für alle Unerwünschten schon lautmalerisch im selbst gewählten nom de guerre Ausdruck verleihen, sich die makabre Farce ausmalen, von einem „Volk“ (welchem wohl?) in die Körperschaften des deutschen Staates getragen zu werden, um dann von dessen Gnaden endlich „Aristokraten“ an die Laterne hängen zu dürfen, wird so etwas wie Kritik schon weitestgehend obsolet. Gäbe es so etwas wie eine Adorno-Skala, die sich daran anlegen ließe, könnte man auf eine Gradeinteilung gut verzichten. Interessanter ist wohl der Aspekt, das sich zu den Hintergründen der solcherart Bahn sich brechenden Ideologie längst schon – genau! – Marx & Engels umfangreich ausgelassen hatten, ohne natürlich ihren Kulminationspunkt bereits in aller Schrecklichkeit absehen zu können. Was die ausgebliebene bürgerliche Revolution hierzulande offenbar zuvorderst hinterlässt, ist ein bis heute nicht zu stillender Neid auf die vermeintlich entgangene Bluttaufe der Nation, und wer sich als ein so richtig radikaler linker Struppi oder von mir aus auch Anarchist oder was weiss ich deucht, der bastelt sich dazu aus seinem unverdauten Mittelstufenstoff Klippgeschichte mit Leichtigkeit den passenden Operetten-Soundtrack für seine Menschenschlächterträume und scheisst was aufs Akademische. Das Tüpfelchen auf dem i ist es dabei, die Auseinandersetzung mit Genderkonzepten zu beteuern, während schon die Messer gewetzt werden, von denen dann das Blut der – auch nicht eben innovativ – „Kosmopoliten“ um so lustiger spritzen möge.

  9. Pingback: Bremens ehrbare Antikommunisten oder die Liga der Schwachsinnigen – Aktion Zaungast

  10. Herr F. schreibt:

    Moin Genossen,

    einen kleine Antwort will nun doch noch schreiben zu euren Ausführungen.

    „Es ginge doch wohl zuallererst darum, Valentin aus dem Knast zu bekommen, wo er nicht hingehört und dafür sind die hier beschriebenen Kampagnen wahrhaft nicht nützlich, sie bedienen den Kitsch und festigen das Feindbild, den Zusammenhalt gegen die Außenwelt, verhindert das Nachdenken.“
    Was zu beweisen wäre. Dass über Kampagnen wie „Free Valentin“ dabei helfen einen gesellschaftlichen Druck aufbauen, der im Einzelfall durchaus politische Folgen haben kann, wollt ihr doch nicht ernsthaft abstreiten, oder?
    Die Feindbilder müssen sich nach solch hanebüchenen Polizei- und Justiz-Aktionen nicht mehr durch irgendwelche Kampagnen gefestigt werden und solange sie immer wieder von Staatsseite mustergültig bestätigt werden braucht es da wahrlich auch keine „Verschwörungstheorien“.

    „Den pädagogischen Gestus lehnen wir ab, Kritik, die sich zu ihrem Gegenstand, den sie der Unvernunft überführen will, nicht polemisch verhielte, würde den Gegenstand verfehlen und wäre damit unsachlich.“

    Meine Erfahrung: In einer Welt in der Emotionen eine große Rolle spielen, geht das doch voll an der Realität vorbei. Damit könnt ihr keinen hinterm Hocker hervorholen. Viel mehr muss man die Emotionen, die vermeintlich unsachliches Verhalten auslösen noch im Prozess des Entlarven s ebendieser anerkennen. Sonst verselbstständigt sich die Emotion als Reaktion auf „rationale“ Ablehnung komplett. Darüber könnt ihr euch dann wiederum in der Kommentarspalte aufgeilen, dem gegenseitigen respektvollen Austausch zwischen „Kosmopoliten“ und dem gemeinen, (UNSTUDIERTEN!) Ultra-Antifa-Pöbel), der doch gar nicht so verkehrt wäre, auch im Sinne eurer Version einer „auf Freiwilligkeit basierende, vernünftigen Zwecken dienende Form des nichtkollektiven Zusammenlebens“ wird damit zunichte gemacht. Den „Kollektivzwang“, den du anderen vorwirfst, konterst mit einer Utopie der zwanghaften und objektivierenden Rationaliät, die das (vermeintlich vereinsamte) Subjekt einer kapitalistischen Gesellschaft eben in seiner Emotionalität und Hang zur Kollektivzugehörigkeit verhöhnt. Kein Wunder, dass ihr in diesem Sinne auch Pädagogik(die ja durchaus auch mal über Polemik funktionieren kann) pauschal ablehnt, womit ich zum nächsten Zitat komme:

    „Eine Revolution aber braucht keine Theorie und auch der Widerstand gegen Nazis im Weserstadion benötigt keine, es versteht sich von selbst, dass man keine haben will.“

    Das tut es leider eben nicht, bzw. wenn dann erst seit wenigen Jahren. Und dafür hat es allerlei Theorie und Praxis, die durchaus auch in einen pädagogischen Zusammenhang zu stellen ist, von eben jenen Leuten benötigt, die ihr hier diffamiert.

    Mir bleibt einfach die Frage, wen ihr wirklich erreichen wollt mit diesem in seiner Verbissenheit, doch offensichtlich „wollenden“ Text, der ja durchaus interessante Überlegungen enthält. Letzendes ist es einfach schade wie ihr eure Ideologiekritik in eurem eigenen ideologischen Sumpf versinken lässt, scheinbar ohne jegliche Reflexion/ eurer eigenen akademischen Realität. Am Ende bleibt dann eben der nicht gerade eben überzeugende Ratschlag hängen: „Ey Junge, studier doch endlich mal was ordentliches“. Und dem wohnt nun ohne Frage den denkbar peinlichsten pädagogischen Gestus, den man sich vorstellen kann.

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