Sahra Wagenknecht & Jens Berger

Die große Ehre, diese Auszeichnung erstmals zu erhalten, teilen sich ganz im Sinne der Gleichberechtigung eine Frau und ein Mann.

Erste und verdiente Preisträgerin ist die Ex-Kommunistin Sahra Wagenknecht, die sich bereits durch ihre jahrelange Hetze gegen den sogenannten „globalen Geldadel“ große Verdienste für die wutbürgerliche Sache erworben hat. Legendär ist ihre Weigerung, am Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz dem israelischen Präsidenten Shimon Peres die Ehre zu erweisen, weil dieser „selbst für Krieg verantwortlich“ sei. Sahra Wagenknecht, die Auschwitz an anderer Stelle bereits durch Aussagen wie

Es gab keine genetische und auch keine historische Erbanlage, die die „deutsche Nation“ zwanghaft und unausweichlich in den Faschismus und nach Auschwitz trieb. Noch hinter der irrsinnigsten Barbarei standen rationale (und nicht „nationale“!) Interessen. Krieg und Völkermord waren hochprofitabel; „Tod durch Arbeit“ sicherte Mehrwertraten nahe 100 Prozent.

rationalisierte, rückte das Menschheitsverbrechen damit nicht nur in die Nähe einer „normalen“ Kriegshandlung, sondern zog eben auch eine Parallele zwischen dem Handeln der Nazis einerseits und dem Israels andererseits. Dass eine solche Person nicht unbedingt qualifiziert ist, sich als „Antifaschistin“ zu gerieren, hält sie aber nicht davon ab, die Tat eines Wahnsinnigen in Norwegen zu nutzen, eben dies zu tun und eine trübe politische Suppe zu kochen. Auf ihrer Homepage verkündet sie Folgendes, das bewusst komplett zitiert wird, weil es gegen Wagenknecht nichts Wirksameres gibt als Wagenknecht:

Das Geständnis und die bisher bekannten Einlassungen des norwegischen Attentäters zeigen ein Weltbild, das von Hass auf Muslime, Linke und Andersdenkende geprägt ist und das die multikulturelle Gesellschaft als Feindbild ausmacht. Die Haltung, die sich beim Attentäter ins Fanatische gesteigert hat und zu der grauenhaften Tat in Oslo und Utøja geführt hat, lässt sich jedoch nicht als die eines rechtsradikalen Einzeltäters abtun. Der Bodensatz dafür wird durch Rechtspopulismus bereitet, der die Spaltung in der Gesellschaft immer weiter vorantreibt. Es ist kein Zufall, dass sich der Attentäter von Norwegen auch mit den Positionen von Sarrazin und Co. befasst hat.

Es ist naiv zu glauben, dass sich eine Tat wie in Norwegen in Deutschland nicht ereignen kann. Solange Rassismus und der Ablehnung einer offenen und toleranten Gesellschaft nicht aktiv und klar entgegen gewirkt und solange es geduldet wenn nicht gefördert wird, dass sich rechte Positionen immer weiter ausbreiten, ist die Gefahr nicht gebannt. Die schrecklichen Ereignisse von Norwegen müssen auch in Deutschland zu Konsequenzen führen. Rechtspopulismus darf nicht weiter akzeptiert und gesellschaftsfähig gemacht werden. Es ist außerdem höchste Zeit, endlich ein Verbotsverfahren gegen die NPD und andere neonazistische Organisationen einzuleiten.

Dass Anders Behring Breivik kein Nazi war und weder die NPD noch Sarrazin mit ihm irgendwie in Verbindung gebracht werden können, so wenig man auch mit ihnen sympathisieren mag, hält Sahra Wagenknecht nicht davon ab, die Toten von Oslo und Utøja auf widerwärtigste Weise für ihre Sache zu instrumentalisieren und sich ungeniert als Speerspitze des antifaschistischen Kampfes zu inszenieren. Anstatt im Angesicht einer unfassbaren Bluttat innezuhalten und sich der Rationalisierung des Irrationalen zu verweigern, muss Wagenknecht zwanghaft dem sinnlosen Tod einen Sinn geben. Aber auch den Täter, der nichts als ein zusammenhangloses Manifest des eigenen Irrsinns hinterlassen hat, kann Wagenknecht nicht als den Irren begreifen, der er ist, sondern muss ihn zu einem Nazi mit einer dezidierten politischen Agenda umlügen, der, obwohl er ein Einzeltäter war, nicht als Einzeltäter abgetan werden dürfe. Aus diesem Grund hat die Jury sich entschieden, Sahra Wagenknecht zur Wutbürgerin der Woche zu küren.

Auch wenn es nicht gerecht erscheinen mag, die Wutbürgerin Wagenknecht nur mit einem geteilten Preis auszuzeichnen, so muss doch auch Jens Berger zu seinem Recht kommen. Denn auch Jens Berger kann sich rühmen, ein wahrer Wutbürger zu sein. Die Toten von Norwegen sind noch nicht beerdigt, da holt er auf den „Nachdenkseiten“, die eigentlich Wutbürgerseiten heißen müssten, zu einem Rundumschlag aus, der sich gewaschen hat. Wer wissen will, wie der linke common nonsense die Terroranschläge von Norwegen aufnimmt, muss Berger lesen. Die Quintessenz seiner ebenso unleserlichen wie unlogischen Ergüsse lautet:

Wenige Tage nach solch schrecklichen Terroranschlägen stellt man sich unweigerlich die Frage nach dem „Warum?“. Warum tötet ein bisher strafrechtlich nicht auffällig gewordener junger Mann kaltblütig über neunzig Unschuldige? Dieser kaltblütige Massenmord erscheint unfassbar. Im Wahn, in der Schattenwelt der rechtspopulistischen Hetze, findet sich jedoch eine Erklärung, was zu dem Verfolgungswahn beigetragen haben dürfte. In Breiviks „Manifest“ geht exakt die Saat auf, die von populistischen Brandstiftern über Jahre gesät wurde – nicht nur in rechtsextremen Blogs, sondern auch in konservativen Zeitungen und Zeitschriften.

Der Irrsinn dieser Zeilen drückt sich in der ideologisch motivierten, gewaltsamen Verdrängung jeder Erkenntnis aus. Der unfassbare, kaltblütige Massenmord darf eben keineswegs ein unfassbarer, kaltblütiger Massenmord sein, sondern muss eben nur als solcher erscheinen, wenn eifrig rationalisiert und ein Schuldiger gefunden werden soll, der mal Marilyn Manson, mal das Waffengesetz und mal Counterstrike heißt. Bei Berger findet sich das offen ausgesprochen, was Wagenknecht eigentlich sagen möchte: Jeder, der nicht die linke Weltsicht teilt, ist ein geistiger Brandstifter, der sich nicht wundern muss, wenn Verrückte ihre Einlassungen als Aufforderung zum Massaker lesen. Zu Schuldigen an der Wahnsinnstat eines Einzelnen sollen nämlich nicht nur Rechtsradikale, die tatsächlich Gewalt ausüben und unterstützen, gemacht werden. Vielmehr geht es jetzt den sogenannten „Islamkritikern“ (und solchen die dafür gehalten werden) an den Kragen:

Heute werden Rechtspopulisten ohne Berührungsängste hofiert. Thilo Sarrazin darf sein verquastes Gedankengut per Vorabdruck in BILD und SPIEGEL unter das Volk bringen und ist gerngesehener Gast in den Talkshows der Republik. Der Rechtspopulist Henryk M. Broder darf seine undifferenzierte Hetze im SPIEGEL, der WELT oder dem Tagesspiegel verbreiten. Rechtspopulistisches Gedankengut ist heute gesellschaftsfähig.

Wer wissen will, wie die Botschaft von sich als Biedermänner aufspielenden Brandstiftern wie Broder und Sarrazin von Teilen des Volkes aufgenommen wird, sollte einmal einen Blick in die Online-Kommentare von Springers Flaggschiff werfen oder sich besser gleich eines der stark frequentierten rechtspopulistischen Blogs anschauen. Wer glaubt, dass der Hass, der dort aus jeder Zeile trieft, nicht irgendwann in irgendwelchen Köpfen zu Gewaltausbrüchen führt, muss schon ziemlich naiv sein. Diese „neue Rechte“ hasst nicht nur Muslime, sie hasst auch Linke und Liberale, die in ihrem Jargon „Gutmenschen“ sind – ein Begriff, der auch von ihren Vorbildern Broder und Sarrazin gerne benutzt wird.

Das 1.500 Seiten starke „Manifest“, mit dem der Terrorist Anders Behring Breivik seine Verbrechen erklären wollte, liest sich wie ein Potpourri aus Artikeln und Kommentaren rechtspopulistischer Blogs wie „Politically Incorrect“. Die Namen Geert Wilders, Theo van Gogh und Henryk M. Broder tauchen an jeweils mehr als einem Dutzend Stellen im Text auf. Unter der Überschrift „Die Vergewaltigung Europas“ bekommt Broder sogar ein ganzes Kapitel, in dem Breivik seiner Argumentation, dass die Westeuropäer sich lieber dem Islam unterwerfen würden, als gegen ihn zu kämpfen, als Mosaikstein in sein Hassgebilde einpasst.

Nachdem nun klar ist, dass niemand anderes als Wilders, Broder, Sarrazin und van Gogh die Schuldigen sein müssen, weil Breivik sie „an jeweils mehr als einem Dutzend Stellen“ in seinem Manifest erwähne (warum Thomas Jefferson, Winston Churchill und John Stuart Mill nach dieser kruden Logik unschuldig bleiben, verrät uns der Autor nicht), kann der Wutberger nur noch den Slogan aller Gutmenschen in die Runde werfen: „Wehret den Anfängen“:

Es ist leider auch unwahrscheinlich, dass bei den einschlägigen Medien ein Lern- oder Umdenkungsprozess einsetzen wird. In unserer schnelllebigen Aufmerksamkeitsökonomie wird es nach einer kurzen „Pietätspause“ weiter gehen mit der Hetze gegen Muslime und gegen die „Gutmenschen“. Die geistigen Brandstifter werden nicht etwa geächtet, sondern sogar mit Medienpreisen überhäuft. Politik und Medien sind auf dem rechten Auge blind. Bereits an diesem Wochenende suchte man den Auslöser für den schrecklichen Terroranschlag lieber in „Killerspielen wie World of Warcraft“ (O-Ton ntv) oder Breiviks Mitgliedschaft in einem Schützenverein, aber nicht in dem geistigen Fundament, auf dem der Terrorist sein Gebäude aus Hass errichtete.

Dabei wäre es gar nicht so schwer, mittels Zivilcourage und einer Neuausrichtung der roten Linien des politischen Diskurses eine Brandmauer gegen Hass und Gewalt einzuziehen. Keine Toleranz gegenüber der Intoleranz, müsste gegen Hassprediger jeglicher Couleur gelten, gerade auch wenn sie als Biedermänner daher kommen. Rassismus und Hass gegen Minderheiten zu schüren liegt außerhalb der gesellschaftlich tolerierbaren Meinungspluralität. Das hat nichts mit Denktabus oder Political Correctness zu tun, sondern ist Grundvoraussetzung für ein friedliches Zusammenleben. Wenn schon die gesellschaftlichen Eliten diese rote Linie nicht ziehen wollen, dann müssen die Menschen rechtem Gedankengut die rote Karte zeigen – nicht nur bei Naziaufmärschen sondern auch gegen die Medienauftritte solcher Brandstifter.

Als entschiedener Gegner jeder Form der Islamkritik beherrscht Berger das Prinzip der Fatwa bereits traumwandlerisch sicher. Als echter Basisdemokrat und Anwalt der Gegensouveränität setzt er darauf, dass es das Volk selbst sein möge, das die Redeverbote gegen als Hassprediger und Rassisten Stigmatisierte durchsetzt, weil Staat und gesellschaftliche Eliten, wer auch immer das sein möge, den nötigen Verfolgungseifer vermissen ließen. Da Berger sich aber selbstredend nicht als großer Verfolger und Unterdrücker im Auftrag des Staates sehen will, der er ist, sondern als jemand, der einen „Umdenkungsprozess“ (!) in Gang setzt, nimmt er zu einer Schlussrunde Anlauf, die die Weisheit der Jury bei der Teilung des Preises eindrucksvoll unter Beweis stellt. Nachdem er 48 Todesopfer rechtsextremer Gewalt in Deutschland zwischen 1990 und heute konstatiert, folgert er nicht etwa, dass, obwohl jedes Opfer eines zu viel ist, von einem rechtsradikalen Terror in Deutschland zum Glück nicht die Rede sein kann, sondern behauptet das glatte Gegenteil:

Wer möchte also die Hand dafür ins Feuer legen, dass es nicht auch in Deutschland einen rechtsextremistisch motivierten Terroranschlag geben könnte? Auch dies sind die Folgen der jahrelangen Tabubrüche gegen die Grundwerte des Grundgesetzes. Die Würde des Menschen ist unantastbar, heißt es dort und nicht die Würde der Deutschen. Wehret den Anfängen – nicht mit Verboten, sondern mit Aufklärung, Menschlichkeit und Empathie.

Wem jetzt die letzte Mahlzeit immer noch nicht hochgekommen ist und wer tatsächlich bis hier weitergelesen hat, dem verleiht das Aktionsbündnis gegen Wutbürger einen virtuellen Tapferkeitsorden. Schlimmeres als ein Land, in dem Menschlichkeit und Empathie in Bergers Sinne herrschen, können wir uns kaum vorstellen. Aus diesem Grund wird auch Jens Berger als Wutbürger der Woche ausgezeichnet.

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Eine Antwort zu Sahra Wagenknecht & Jens Berger

  1. Klaus Günter Sturm schreibt:

    Es ist bekannt, nur die LINKE hat Anspruch auf die volle Weisheit. Wutbürger ist gleich NAZI. Derartiger Schwachsinn kann nur Linken einfallen. Das große Interesse an diesem Aktionsbündnis – gegen Null – kann man auf Facebook bewundern.
    Wo bleiben Ihre hoch geistigen und informativen Beiträge zu Syrien Herr Berger?

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