Taliban Landesverband Berlin-Brandenburg

Es ist dieser Tage nicht leicht, sich für einen Wutbürger der Woche zu entscheiden. In New York und anderswo demonstrieren die üblichen Freunde der sogenannten „verkürzten Kapitalismuskritik“, also die „dummen Kerle und blöden Weiber“ (Joachim Bruhn) gegen „die Macht der Börse und der Banken“. In den deutschen Medien, insbesondere in den dafür bekannten (Spiegel, Süddeutsche, Frankfurter Rundschau, taz etc.) finden sich jede Menge strunzblöde Kommentare zum Abkommen zwischen Israel und der Hamas, den gefangenen Soldaten Gilad Schalit gegen über 1000 palästinensische Mordbrenner auszutauschen. Doch dazu hat Richard Herzinger dankenswerterweise fast alles gesagt – hinzuzufügen wäre aus materialistischer Sicht höchstens noch, dass dies beweist, wie gering der Tauschwert eines palästinensischen Terroristen eigentlich ist, weil es sich bei ihm lediglich um austauschbares, auf Geheiß losschlagendes Menschenmaterial handelt.

Schweren Herzens und in vollem Bewusstsein der Zweifelhaftigkeit der Entscheidung hat das Aktionsbündnis gegen Wutbürger sich entschlossen, dem Landesverband Berlin-Brandenburg der Taliban (linksextremer Flügel) die begehrte Auszeichnung zu verleihen. Ausschlaggebend war der absolute Wahnsinn, gegen den Krieg in Afghanistan durch Brandanschläge auf die deutsche Bahn zu protestieren. Wie man es schafft, aus einer Ablehnung der modernen Gesellschaft, des Kapitalismus und des NATO-Einsatzes in Afghanistan eine Rechtfertigung terroristischer Anschläge auf den Schienenverkehr und damit einen Eingriff in das Leben unbeteiligter Menschen zu rechtfertigen, ist in diesem Zusammenhang ausgesprochen interessant. Das betrifft weniger das Gerede von der Entschleunigung und anderes zivilisationsfeindliches Geschwurbel – dieses Programm kennt man von all den anderen Apologeten des „gerechten Tauschs“ und Kämpfern gegen den „Pekunismus“ bereits zur Genüge, seien sie in der Ökologiebewegung, bei Attac, in Tauschringen oder in islamistischen Zusammenhängen organisiert. Interessanter und einzig zitierenswert ist die folgende Passage über den „Sachzwang“ bzw. die „Alternativlosigkeit“ von Politik unter kapitalistischen Verhältnissen:

Zur prägenden Kategorie dieses Alltags wird die „Alternativlosigkeit“.
Die Energieversorgung der Metropole, ob sie nun atomare Verseuchung oder den Kollaps des Weltklimas mit sich bringt, sei alternativlos. Die Abschottung Europas gegen diejenigen, die am Reichtum teilhaben wollen, die Angriffe auf die erkämpften sozialen Standards, die Privatisierungen: alternativlos. Drei Jobs gleichzeitig und das Geld reicht trotzdem nicht: alternativlos.
In der Finanz- und Schuldenkrise scheint die Alternativlosigkeit zum Dogma geworden zu sein. Die Märkte als übermächtiges Gefüge, dessen Vorgaben zu erfüllen alternativlos sei …
Die Funktionsfähigkeit dieser Gesellschaft aufrecht zu erhalten, bedeutet die Katastrophe, auf die diese Gesellschaft hinausläuft, alternativlos zu machen. In diesem Sinne ist die Krise keine Krise und die Katastrophe gar keine Katastrophe. Krise und Katastrophe sind der Normalzustand in einer Gesellschaft, in der Krisen und Katastrophen als alternativlos gelten.

Fast wäre man geneigt, dieser Passage zuzustimmen. Man hätte dümmeres erwartet von Leuten, die Brandanschläge auf Bahnstrecken verüben als eine solche relativ treffende Beschreibung der kapitalistischen Gesellschaft, in der Krise und Normalzustand kaum mehr voneinander zu unterscheiden sind, in der eine permanente Verkehrung von Mittel und Zweck herrscht und jede Rationalität ausschließlich Zweckrationalität sein kann. Doch leider hat sich hier bereits ein scheinbar kleiner, aber doch folgenschwerer Fehler eingeschlichen. Denn die Alternativlosigkeit, der Sachzwang bzw. der stumme Zwang der Verhältnisse sind keine Erfindungen der Finanzkrise, es sind keine Dogmen und nichts, das sich die Herrschenden ausgedacht haben, sondern sie sind Ausdruck einer sich verselbständigenden Form, die man mit Marx Kapital zu nennen pflegt. Welche gravierenden Folgen diese fehlende Reflexion hat, zeigt der Unfug, den die Linkstaliban daraus folgern:

Die Alternativlosigkeit führt zu einem Ende der Forderungen und zu einer Zeit des selbstermächtigten Handelns.
Wir ermächtigen uns.
Es ist nicht mehr Zeit zu warten, auf irgendetwas; ein Almosen, bessere Politiker_innen oder ein Wunder. Alles wird unter diesen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen bleiben wie es ist, denn es ist alternativlos. Wir müssen die Bedingungen ändern.
Wenn die Signalkabel kaputt sind, fährt eben kein Zug mehr. Wenn mal kein Strom da ist, wird eben nicht produziert. Wenn kein Nachschub kommt, gerät eben ein Krieg ins Stocken.
Wie die Interventionen im Einzelnen aussehen, ist Sache derer, die Handeln – damit zu beginnen ist alternativlos.

Die Kritik der Alternativlosigkeit führt also dazu, sich selbst zum Handeln zu ermächtigen, sich selbst als revolutionäres Subjekt im Sinne einer proletarischen Partei zu setzen, um gleichzeitig das eigene Handeln ebenfalls als „alternativlos“ zu bezeichnen – nur böswillige Menschen denken, wenn sie solche Sätze von vermeintlich Linken hören, an Gulag, Bautzen, Schießbefehl, Kulturrevolution und andere wundervolle Dinge, die von linken Führern ebenso als „alternativlos“ bezeichnet wurden, weil nur so der eigene Machterhalt und damit natürlich die kommunistische Weltrevolution gesichert werden könne. Diejenigen, die hier anhoben, den Kapitalismus zu Recht für die Zwänge, die er ausübt, zu kritisieren, zeigen ein vollkommen auf den Hund gekommenes, zutiefst bürgerliches Bewusstsein, das zu keinerlei Kritik an der eigenen Erkenntnisfähigkeit in der Lage ist. Mit diesem Irrsinn ist alles und jedes zu rechtfertigen.

In diesem Zusammenhang ist es äußerst interessant, wie man in den oben bereits hinreichend gewürdigten Medien auf diesen neue Linksterrorismus, mit dessen Argumentation sich ohne weiteres auch Terroranschläge direkt gegen Menschen rechtfertigen lassen, reagiert. So schreibt der notorische Berufssohn Jakob Augstein, der sich seit langer Zeit vergeblich um den Titel „Wutbürger der Woche“ bewirbt, in seiner wie üblich steindummen Kolumne auf Spiegel online folgendes:

Der kommende Aufstand geht von Berlin aus. Hier brennen die Autos. Hier werden die Benzinflaschen gefunden, die an den Gleisen liegen. Und wenn sie nicht rechtzeitig gefunden werden, wie im vergangenen Mai, dann bricht der Nahverkehr der Großstadt zusammen. Darum geht es: um den Zusammenbruch.

Um eines von vornherein klarzustellen: Gewalt ist keine Lösung.

Gleichzeitig dürfen wir aber auch keine Missverständnisse aufkommen lassen. Dieser Aufstand ist eine Reaktion auf einen bereits erfolgten Zusammenbruch, den des Rechts, den der Verantwortung, den der Moral. Er ist eine Warnung: Wenn eine Gesellschaft im Inneren in Trümmern liegt, werden die Trümmer auch im Äußeren wachsen. Ist das ideologisch? Natürlich. Widerstand ist immer ideologisch.

„Der kommende Aufstand“, so hieß ein Manifest aus Frankreich, das seit ein paar Jahren dem linken, anarchistischen Denken neue Nahrung gibt. Es ist nicht das militaristische Denken der Rote Armee Fraktion, das voll von Selbstüberschätzung und bar jeden Mitleids war. Es ist das Denken einer verzweifelten Sehnsucht, deren Kraft in Anarchie mündet, wie wir es aus dem 1973 gedrehten Film „Themroc“ kennen. Da spielt Michel Piccoli einen Pariser Lohnempfänger, der kaputt macht, was ihn kaputt macht und sich auf den Weg in den menschlichen Urzustand begibt.

Diesen Urzustand hatte der „natürliche Mensch“, von dem Thomas Hobbes schrieb, einst gegen den Zustand der Ordnung des Staates eingetauscht. Er hat den Gesellschaftsvertrag geschlossen. Er unterwirft seine Freiheit dem Leviathan des Staates und erhält dafür Schutz und Chance auf Wohlstand. Das ist ein Vertrag zu beiderseitigen Lasten. Wenn eine Partei ihn kündigt, wird er hinfällig. Der Staat, der nur wenige Tagen braucht, um Milliarden für die Rettung der Banken bereitzustellen aber viele Jahre, um die Finanztransaktionssteuer einzuführen, ist dabei, diese Abmachung zu brechen.

So viel Unfug über den Zusammenhang zwischen Finanztransaktionssteuern und Souveränität (Thomas Hobbes rotiert im Grabe) hat man selten gelesen. Da will die taz natürlich nicht zurückstehen und bietet mit Ulrike Winkelmann eine Kolumnistin auf, der es spielend leicht gelingt, das Niveau des Augstein’schen Geschreibsels noch zu unterbieten. Sie hebt an:

Bei den Leuten, die an Bahnanlagen Brennstoffgefäße verstreut haben, handelt es sich vermutlich aber auch nicht um orientierungslose Spinner oder Psychopathen, wie einige Grüne meinen. Das Bekennerschreiben ist eine relativ konzise und stilistisch gelungene Abhandlung über den Zusammenhang zwischen kapitalistischen Produktionsbedingungen und politischer Stumpfheit angesichts des Leids in der Welt. An dem Text zu kritisieren ist bestenfalls, dass die Finanzkrise darin keine Rolle spielt.

Wie oben zitiert, ist diese Aussage sachlich falsch und legt die Vermutung nahe, dass die „Co-Leiterin des Inland-Ressorts der taz“ (wenn das der Leiter noch hätte erleben dürfen!) ebensowenig lesen wie schreiben kann, sich aber dennoch erdreistet, uns mitzuteilen, was an dem Text zu kritisieren sei – ganz so, als wüsste sie überhaupt, was Kritik bedeutet. Die auf dem Niveau eines Besinnungsaufsatzes eines Neuntklässlers geschriebene „Kolumne“ gipfelt in der Feststellung, ein solcher Anschlag sei falsch, nicht nur weil (er hirnlos und total plemmplemm ist? – weit gefehlt!)

man mit solchen Anschlagsversuchen stets und immer die Falschen trifft, den politischen Gegner stärkt und diesem dazu noch die entnervten Bahnkunden in die Arme treibt. Sondern auch weil sich Gefahr für Menschenleben eben nicht sicher ausschließen lässt, wenn man an Kabeln zündelt.

Konterrevolutionär sind also nicht die Ziele, sondern allein die falschen Mittel und die schlechte Taktik – wer sich von Co-Leiterinnen wie Ulrike Winkelmann in Sachen Theorie und Praxis belehren lassen muss, ist wirklich ein armes Würstchen. Noch schwerer wiegt aber, dass es für den Taliban Landesverband Berlin-Brandenburg ein niederschmetterndes Ergebnis der angezettelten Rebellion sein muss, dass die Ziele vom politischen Mainstream umstandslos geteilt werden. Das liegt nicht zuletzt daran, dass weder dieser noch jene zu einer Kritik der politischen Ökonomie vordringen, sondern bürgerlichem Denken vollständig verhaftet bleiben, also „Alternativen“ einfordern und somit für das altbekannte Konzept eines „Kapitalismus mit menschlichem Antlitz“ streiten und damit nichts weiter sind als Bestandteil der Misere, die man als bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft bezeichnet. Damit aber die konformistische Revolte gegen Beschleunigung, das System, den Krieg und überhaupt sowieso alles Unheil dieser Welt nicht vollständig vergeblich ist, verleihen wir dem Taliban Landesverband Berlin-Brandenburg als kleinen Trost den Titel „Wutbürger der Woche“.

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