Alan Posener

Waren Journalisten einst Menschen, die ihre Nichtgedanken immerhin ausdrücken konnten, so zeichnen sie sich heute überwiegend dadurch aus, dass ihre Dummheit notwendigerweise auch Form und Ausdruck vollständig verdirbt. Besonders deutlich wird das an einem, der es geschafft hat, bei der Achse des Guten hinauskomplimentiert zu werden und der nicht einmal an die intellektuellen Fähigkeiten Richard Herzingers heranreicht und gerade deswegen wie z.B. Jakob Augstein in dem Ruf steht, ein „kritischer Journalist“ zu sein. Es handelt sich um Alan Posener, der unter der peinlichen Rubrik „J’accuse“ gegen Falsche Israelfreunde mobil macht.

Wie bereits von Herzinger bekannt, wurmt es den deutschen Anhänger eines wie auch immer verstandenen Liberalismus, als dessen Konsequenz er eine allerdings windelweiche Solidarität mit Israel begreift, dass Antisemiten, die er für vernünftig hält, sich von ihm nicht bekehren lassen. Dass der Antisemitismus, ausgedrückt im Hass auf Israel, in Europa und Deutschland endemisch ist, kann ihn aber, da er aufs Mitmachen im Politikbetrieb geeicht und als Journalist darauf angewiesen ist, vom Ideologiebetrieb gebraucht zu werden, nicht zu einer Kritik des deutsch-europäischen Unwesens führen. Israelsolidarität bedeutet für den deutschen Journalisten, dass er seine Beiträge praktisch nur im Axel-Springer-Verlag und in wenigen anderen Erzeugnissen des konservativen Lagers unterbringen kann, da links der Mitte, wo Gestalten wie Christian Bommarius oder Thomas Avenarius ihr Unwesen treiben, der Jargon der Israelkritik gepflegt wird und Juden wie Henryk M. Broder unverhohlen mit Gefängnis gedroht wird.

Rechts der Mitte aber, wo man auf Slogans wie „Du bist Deutschland“, „Wir sind Papst“ und neuerdings auf „Das Schlachten hat begonnen“ eingeschworen ist, kann man als israelsolidarischer Publizist nur reüssieren, indem man dem, wie ein Blick in die Kommentarspalten beweist, überwiegend fremdenfeindlichen, nationalchauvinistischem und bornierten Mob die Israelsolidarität, ganz im Sinne der Schmuddelplattform politically incorrect, als im besten deutschen Interesse zu verkaufen trachtet. Der israelsolidarische Journalist, der sich für einen Gralshüter des liberalen Verfassungsstaates hält, sitzt in einem Land wie Deutschland, in dem der Liberalismus nie mehr als freie Fahrt für freie Bürger im Angebot hatte, zwischen allen Stühlen. Die meisten seiner politischen Freunde einerseits begegnen Israel mit mehr oder weniger unverhohlener Abneigung, da ihr „Liberalismus“ deutsch-europäischer Provenienz auf die Freiheit des Einzelnen einen Scheißdreck gibt und vor allem dazu dient, dem eigenen Partikularinteresse den Anstrich eines Menschheitsbeglückungsprogramms zu geben. Andererseits hat die überwiegende Mehrheit des deutschen Meinungsbetriebs für den Liberalismus nichts als Hohn und Spott, für Israel nichts als Hass übrig.

Das Verfahren, für den Israelhass derer, die doch auf Seiten der Vernunft und des liberalen Rechtsstaat stünden, Dritte verantwortlich zu machen, erlangte unter dem Namen „Herzinger-Methode“ traurige Berühmtheit. Unter dem völlig verhunzten Titel Der Adorno-Preis und die Wirrungen der “Dialektik” schrieb Herzinger anlässlich der Verleihung des Adorno-Preises an Judith Butler, dass die „bornierte Sekte der „Antideutschen“ (…) unglückseligerweise große Teile der Israelsolidarität usurpiert hat (und sie so bei vernünftigen Menschen nachhaltig diskreditiert)“. Mit diesem Satz aber hat sich umgekehrt Richard Herzinger nicht nur von der Aufklärung, sondern eben auch von einer sinnvoll verstandenen Israelsolidarität sowie einer Kritik des Antisemitismus entfernt. Solidarität mit Israel ist eine vernünftige Sache – und wer nicht israelsolidarisch ist, der kann auch nicht vernünftig sein. Natürlich ist es umgekehrt möglich, dass unvernünftige Menschen Israelfreunde sind. Allerdings suggeriert Herzinger, dass unvernünftige Israelfreunde der Grund dafür seien, dass vernünftige Menschen die Israelsolidarität ablehnten. Damit rationalisiert er das Ressentiment weiter Teile der Gesellschaft gegen Israel und baut gleichzeitig den Sündenbock für die traurige Tatsache auf, dass es in Deutschland keine nennenswerte Solidarität mit Israel gibt. Es zeigt sich, dass Leuten wie Herzinger, denen große Worte wie Aufklärung, Vernunft und Freie Welt leicht über die Lippen geht, zutiefst zu misstrauen ist, da sie den Gehalt dieser Begriffe einebnen müssen, damit diese in ihr Konzept passen. Mit zwingender Notwendigkeit wollen Menschen, denen einerseits Freiheit und Aufklärung sakrosankt sind, andererseits aber die Figur des vernünftigen Menschen, der es mit der Israelsolidarität nicht hält, denken können, von Widerspruch und Kritik der Aufklärung nichts wissen und reagieren mit blankem Hass, wenn es jemand wagt, sie auf solche Widersprüche zu stoßen.

Alan Posener schafft es nun, die Herzinger-Methode ganz zu sich selbst zu bringen, indem er der deutschen Gesellschaft einen Persilschein in Sachen Antisemitismus ausstellt. Auslöser seiner Tiraden ist die vermeintlich antideutsche „Unterwanderung“ der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG), die er am Beispiel der Rostocker Hochschulgruppe zu belegen glaubt. Bewusst verschweigt Posener, dass die DIG-Hochschulgruppe Rostock deswegen überregional bekannt wurde, weil sie antisemitische Äußerungen lokaler Politprominenz kritisiert hatte. Der DIG-Vorsitzende Robbe (SPD) sah sich daraufhin genötigt, seinen Parteifreunden beizuspringen und der DIG-Hochschulgruppe mit Ausschluss zu drohen. Zeitgleich erarbeiteten die Grünen unter Mitwirkung der ehemaligen Vizepräsidentin der DIG, Marieluise Beck, einen Antrag zur Kennzeichnung israelischer Waren aus der Westbank. Große Teile der Israelsolidarität, unter anderem die Achse des Guten, die lieber auch mal einen antideutschen Text veröffentlicht als den Unfug Poseners, positionierten sich gegen Beck und Robbe. Posener ist sich zwar zu fein, für Robbe und Beck und ihre antiisraelischen Umtriebe im Namen der DIG direkt Partei zu ergreifen, auch wenn er sich nicht entblödet, den Antideutschen zu unterstellen, „den guten Namen der DIG“ zu benutzen. Er setzt auf Diffamierung und Diskreditierung und verschweigt dem Leser dementsprechend alles, was ihn zu einem anderen Urteil führen könnte.

Im Stile eines Propagandajounalisten versucht er im Kopf seiner Leser das Bild eines fanatischen, christlichen Hasspredigers zu erzeugen, um es dann, ohne jeden Zusammenhang, mit Antideutschen im Allgemeinen und der Rostocker Hochschulgruppe der DIG im besonderen zu assoziieren. Dieses Verfahren, das man aus der Propaganda oder Werbepsychologie kennt, hofft auf den sogenannten Assimilationseffekt: Es werden zwei Dinge, die zunächst einmal nichts miteinander zu tun haben, nebeneinandergestellt und der Rezipient soll im Kopf die Verbindung herstellen, damit das Image des einen auf den anderen Gegenstand abfärbt. Es ist dabei einerlei, ob Posener dies aus propagandistischer Bösartigkeit tat oder ob diese Verbindung Ausdruck seines Geisteszustands ist. Sein Hass auf die Antideutschen deutet allerdings darauf hin, dass er keine Propagandalüge formulieren kann, ohne daran zu glauben: „Wie in manchen anderen Universitätsstädten besteht diese Hochschulgruppe ausschließlich aus Mitgliedern der so genannten „Antideutschen“, einer linksradikalen Sekte, die aus einer westdeutschen K-Gruppe hervorgegangen ist. Treibendes Motiv der Sekte ist nicht die Solidarität mit Israel oder gar dem Judentum, schon gar nicht der Wunsch nach deutsch-israelischer Freundschaft, sondern der Hass auf die bürgerliche Gesellschaft im allgemeinen und die deutsche im besonderen.“ Das ist natürlich alles blanker Unsinn, aber der Verweis auf die K-Gruppen ist durchaus interessant, da Posener und andere Welt-Autoren früher eifrige Maoisten waren, Posener zum Beispiel widmete sich inbrünstig dem Aufbau der neuen Partei in der besonders autoritär organisierten, stramm antiimperialistischen und antizionistischen KPD-AO. Die permanente Abrechnung mit Linken und den K-Gruppen ist auch bei Posener nichts als die Fortsetzung der linken Gewissensprüfungen, mit denen die eigene moralische Makellosigkeit dargelegt werden soll.

Im Gegensatz zu einigen antideutschen Autoren, die an der Zerschlagung des KB beteiligt waren, ist Posener sich und dem autoritären Charakter der KPD-AO treu geblieben. Zwar folgt er nicht mehr Mao Tsetung, dafür aber hat er eine neue weise Führerin ausgemacht: „Die Solidarität mit Israel ist, wie die Kanzlerin meinte, Teil der deutschen Staatsräson und nicht Sache einiger buchgläubiger Fanatiker, die statt der Bibel die Werke Theodor Adornos als Heilige Schrift verehren.“ Dass dieselbe Merkel Feinde Israels mit Waffen beliefert, den Moslembruder Mursi, für den Juden die Nachkommen von Affen und Schweinen sind, in allen Ehren empfängt, sich weigert, die Hisbollah als Terrororganisation zu klassifizieren, im Bundestag eine einstimmige antiisraelische Erklärung durchgehen lässt, in der UNO sich regelmäßig bei gegen Israel gerichteten Resolutionen enthält, palästinensische Organisationen der Unstaatlichkeit finanziell und propagandistisch unterstützt, kommt bei Posener nicht vor. Merkel, die deutsche Gesellschaft und der deutsche Staat sind vernünftig, proisraelisch und damit basta, Schwarzseher werden nicht geduldet: „Die Antideutschen sabotieren durch Sektierertum die Israelsolidarität. Sie sind im Kern antiisraelisch.“

Posener ist mit Herzinger in einen skurrilen Überbietungswettbewerb getreten, was man den Antideutschen vorwerfen kann. Angekommen ist er dann beim Vokabular der Nazis, die „antideutschen Elementen“ auch Sabotage der nationalen Sache vorwarfen und ihre Propaganda in Friedensrhetorik zu kleiden wussten. Alan Posener hat nach diesem besonders ekelhaften Stück Schmierenjournalismus als erledigter Fall bzw. als Wutbürger der Woche zu gelten.

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8 Antworten zu Alan Posener

  1. Alan Posener schreibt:

    Vielen Dank für die Ehrung. Ich befürchte jedoch, außer mir liest das keiner.

  2. abgwb schreibt:

    Den Adressaten hat es erreicht.

  3. Zalamon Mosmy schreibt:

    Doch ich hab es (teilweise) auch gelesen. Die Fokusierung, die Posener beklagt, gefällt mir. So wird sichergestellt, dass die demokratische Öffentlichkeit die Intentionen dieser Gruppierung besser versteht.

  4. antideutsche fieberträume…

  5. Cyrano schreibt:

    Dieses sich Verschließen gegen alles Denken macht schon traurig. Herzinger ging auf Kritik nicht ein, obwohl er sich in der folgenden Woche schon wieder selbst widersprach, bei Posener wird es nicht anders sein. Und dann diese Merkbefreiten Ein-Wort-Kommentare. Auch schon unter dem letzten Artikel der Gruppe Morgenthau… naja, dass die Adressaten das Gesagte nachvollziehen kann man wohl nicht erwarten, vielleicht schließt immerhin der ein oder andere still Mitlesende das Richtige aus den genervten hingeworfenen Meckersätzen unter einem gut ausgearbeiteten Text…

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