Gerald Rollet

Das Aktionsbündnis gegen Wutbürger hat ein Herz für von den Mainstreammedien unterdrückte Nachrichten und die kleinen Helden des Alltags. Wie ist es sonst zu erklären, dass es in Zeiten, in denen neben dem Aufschrei der Berufsempörten über Erika Steinbachs Behauptung, dass die NSDAP eine linke, weil sozialistische Partei gewesen wäre und in denen über Wolfgang Pohrt und sein neues Buch „Kapitalismus Forever“ geschwätzt wird (wobei jeder für sich entscheiden mag, ob die Pöbeleien oder die Verteidigungen noch deprimierender sind als das offenbar ziemlich schlechte Buch), ausgerechnet Gerald Rollet als „Wutbürger der Woche“ ausgezeichnet wird.

Die Weisheit dieser Entscheidung erschließt sich jedem unmittelbar, dem die Kritik der Gesellschaft mit und nach Pohrt wichtiger ist als Geschwätz. Denn Gerald Rollet ist 86 Jahre alt und verbringt seinen Lebensabend damit, bei -13 Grad im Stuttgarter Schlosspark Bäume zu besetzen, was ihn zu einem überaus würdigen Preisträger macht. In den Stuttgarter Nachrichten erfahren wir über Rollet:

Eine frostige Nacht in luftiger Höhe hat der 86-jährige Rentner und erklärte Stuttgart-21-Gegner Gerald Rollet hinter sich. Bei 13 Grad unter Null verbrachte der Senior die Nacht auf Montag in einer Platane im Stuttgarter Schlossgarten, um gegen das Abholzen der Bäume für das Bahnprojekt Stuttgart 21 zu demonstrieren. „Herr Rollet ist nicht das erste Mal aus Protest auf einen Baum geklettert“, erklärt Carola Eckstein, Pressesprecherin der „Parkschützer“. Die Aktion sei unabhängig von den Wetterverhältnissen schon einige Zeit geplant gewesen. „Herr Rollet ist sehr entschlossen, rüstig und hat die Aktion auch gut überstanden“, so Carola Eckstein weiter. Ein weiterer „Parkschützer“ hätte laut Eckstein die ganze Nacht mit Rollet ausgeharrt.
(…)
In die Äste des Baumes war Rollet selbstständig über eine Leiter gelangt, sieben Stunden später war es die Feuerwehr, die den 86-Jährigen aus der Platane auf den Boden zurückholte. „Auf Anraten eines anwesenden „Parkschützers“ ließ Herr Rollet sich von der Feuerwehr herunterholen“, erklärt die Pressesprecherin. Auf eventuelle Kosten für den Einsatz sei es ihm dabei nicht angekommen. Nach Ende der Aktion sei Rollet zwar kalt, aber gesund und munter gewesen, meint Sprecherin Eckstein. „Nach einer Untersuchung durch den anwesenden Notarzt ist Herr Rollet nach Hause gefahren“, erklärt die Pressesprecherin der Parkschützer.

Bei der Stuttgarter Polizei sieht man die Aktion kritisch und schildert den Ablauf ein wenig anders. Über das Internet wären die Beamten auf Herrn Rollets Baumbesetzung aufmerksam geworden. „Da es eine sehr kalte Nacht war, haben sich die Beamten entschlossen, vor Ort nach dem Rechten zu sehen“, so Polizeisprecher Jörg Kurowski. Die Beamten hätten dann nach Einschätzung der Lage die Feuerwehr und den Rettungsdienst gerufen. Aus ihrer Sicht konnte der Senior den Baum nach mehreren Stunden in klirrender Kälte aus eigener Kraft nicht verlassen. Kurz vor 5 Uhr verhalf die Feuerwehr dem rüstigen Rentner über die Drehleiter wieder zu festem Boden unter den Füßen. „Der Notarzt hat eine leichte Unterkühlung des 86-Jährigen festgestellt, die aber nicht im Krankenhaus behandelt werden musste“, so Kurowski weiter.

Es lohnt sich nachzulesen, was Wolfgang Pohrt in „Stammesbewusstsein, Kulturnation“ zur Liebe der völkischen Bewegungen zu Baum und Wald zu sagen hatte (S. 19f):

Wenn beispielsweise im Verlauf von Demonstrationen gegen den Bau der Startbahn West Leute mit freiem Oberkörper, also selbst schutzlos, sich schützend vor die Bäume und der bewaffneten Polizei entgegenstellen, als wären sie von einem desorientierten Mutterinstinkt übermannt; wenn die Behauptung „erst stirbt der Wald, dann stirbt der Mensch“ im Feuilleton seriöser Blätter ein Anlaß wird für besinnliches, tiefschürfendes Grübeln – dann ist der offenkundige, manifeste Wahn der Abkömmling oder das Symptom eines verborgenen, latenten. (…) Was die Völkischen von damals von den Grünen von heute unterscheidet ist, daß jene den Wald zum Wurzelgrund der Volksseele erklärten, während diese sich ohne weitere Begründung und ganz vegetativ so verhalten, als würde ihnen, wenn irgendwo Holzfäller am Werk sind, das eigene Rückgrat durchgesägt.

Wenn Pohrt (S.24) die „Aufhebung aller Vernunftschranken“, die „die Völkischen an der beabsichtigten schrankenlosen Machtausübung behindern könnten“ als deren Ziel, „Konfusion, Realitätsverlust, schwammige Sprache und schiefe Bilder“ als „Mittel zum Erfolg“ beschreibt, so muss man angesichts der Proteste um Stuttgart 21, der darauffolgenden Landtagswahl und nicht zuletzt aufgrund der Wahnsinnstat Rollets konstatieren, dass dieses Ziel vollständig und restlos erreicht ist. Zur kollektiven Verblödung gehört zweifellos, dass Opas wie Rollet Altersweisheit nicht einmal mehr vortäuschen, sondern vollständig zum Kind regredieren, auf das man aufpassen muss, aber auch gelegentlich Stolz sein kann:

Ganz anders die vier erwachsenen Kinder von Rollett: „Die basteln alle an ihrem beruflichen Weiterkommen, sind viel angepasster als ich. Meine Tochter arbeitet als Ärztin, einer meiner Söhne ist Justiziar, ein anderer angehender Psychologie- Professor. Aber wenn ich ihnen von meinen Protest-Aktionen erzähle, sind sie sehr stolz auf mich.“

Diesen wunderschönen Worten schließt die Jury sich mit einem kräftigen „Gerald, der Kampf geht weiter“ an und gratuliert herzlich zur Auszeichnung „Wutbürger der Woche“.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s