Rapkollektiv Ticktickboom

Nominiert von der Aktion Zaungast

Die zwanghafte Retraditionalisierung der Linken lässt sich immer wieder materialorientiert an ihrem Kulturgut festmachen, auch wenn man die schlimmsten Erzeugnisse niedersten Agitprops aus der Schublade kaum zitieren mag. Wenn schon die Form so verhunzt ist, dass man dem restringierten Sprachmüll, der beispielsweise als ‚Polit-Rap‘ daherkommt, auch den Ton abstellen könnte, um alles zu wissen, was man zu wissen braucht, ist der Gegenstand eigentlich bereits unter aller Kritik. So verhält es sich ohne Frage mit dem Rapvideo von „Kaveh“ und „Thawra“, das sich gegen ‚Antideutsche‘ richtet.1
Doch wie so oft, wenn etwas politisch erst noch genannt werden muss, wo sich das Politische entweder sparsam oder pompös verpacken lässt, steckt immer mehr dahinter als bloße Pathologie und bloße Dämlichkeit. Es geht um ideologische Muster und das informelle Bündnis, das hier notwendig entsteht. Es lässt sich recht trefflich an den unausweichlichen Begleiterscheinungen linker Bewegung in Gestalt linken deutschen Polit-Raps einschließlich seiner Sozialpädagogik zeigen.

Als dessen prototypische Erscheinung kann ohne Zweifel jemand gelten, den man nun wirklich nicht erwähnen möchte – so offensichtlich er etwas über sich selbst und die linken Zonen Nordrhein-Westfalen ausplaudert, so gering die Gefahr, dass es ihm je gelänge, von irgendjemandem ernst genommen zu werden. Doch wenn man mag, kann man an der Entwicklung des Tourette-Rappers „Makks Damage“ vom antisemitischen Stalinisten zum lupenreinen Nazi immer wieder besonders sinnfällig studieren, wie sich Faschismus als spezielle Synthese aus links und rechts konstituiert. Es kann da gar nicht weiter wundern, dass Polit-Rap auch andere schäbige, sich allerdings noch links nennende Antiimperialisten wie den trotzkistischen SAV-Sektenguru „Holger Burner“ anzieht; er träumt davon, die Bänker von Hamburg bis München mit Uzis zu lynchen und entblödet sich nicht, sich stetig mit irgendwelchen ’sozialen Kämpfen‘ von Venezuela bis ‚Palästina‘ zu solidarisieren. Auch die militante Tierkämpferfront hat mit dem personifizierten Denkboykott „Albino“ einen Vertreter, der in seinem Anfall antispezisistischen Rachewahns gegenüber der Menschheit die Massentierhaltung zur größten Perversion der Neuzeit stilisiert. Der im Gegensatz dazu durchaus erfolgreiche und manchem zunächst wohl harmloser anmutende antiimperialistische Spießgeselle „Disarstar“, der unlängst von seinem mal mehr, mal weniger pogromaffinen völkischen Krisenminimierungsgeseiere2 zu offenen Mordparolen übergegangen ist,3 stellt vorläufig den trendigsten Vertreter dieser Reihe dar.

Da sich Kritik allerdings nur, wenn es ums Äußerste geht – und dann sehr praktisch –, gegen Subjekte zu richten hat, die ohnehin verloren sind, sollte man sich mit diesen Beispielen nicht länger als unbedingt notwendig aufhalten und lieber den sich selbst als reflektiert verstehenden Vertretern des Genres zuwenden. Man könnte meinen, die allzu leichte Polemik, die sich freilich ein wenig dem infantilen Gegenstand anpassen muss, deutet unzweifelsfrei darauf hin, dass hier einiges im Argen liegt – dass sich also diese ‚kritischen‘ Vertreter zuallererst einmal dem eigenen Sub-Genre zuwenden, um zu zeigen, dass dies alles mit Form und Inhalt ihres popkulturellen Lieblings-Artefakts eigentlich gar nichts zu tun habe. Doch das ist leider weit gefehlt. Die Szene-Sozialpädagogen des Zusammenschlusses linker ‚Zecken‘-Rapper und -Rapperinnen „Ticktickboom“, die selbst so frei sind, sich als Kollektiv zu bezeichnen, versuchen sich lieber seit geraumer Zeit mit bescheidenem Erfolg daran, der Mutterkultur den Sprachfeminismus nahezubringen4 oder ihr die nationalistischen Flausen auszutreiben.5 Sie dürften zwar eine Ahnung von der Aussichtslosigkeit ihres Unterfanges haben, doch das hat politische Pseudo-Aktivität noch nie von etwas abgehalten und man muss ihnen durchaus zugutehalten, dass sie der Versuch ehrt – und ebendas macht sie in dieser Sache auch zum angemessenen Gegenstand der Kritik: Wer den Wahn zwar eifrig umsorgt, aber selbst noch zwischen erstarrtem Glaubenssatz und Spleen in poststrukturalistischem Meinungspluralismus irrlichtert, könnte einer Kritik, die aufs Ganze zielt, vielleicht durchaus noch zugänglich sein. Eine solche Kritik äußert sich notwendig umso polemischer, je stärker der Verdacht sich erhärtet, dass so viel hier doch nicht mehr zu retten ist, und nur die Kränkung, die aufs Subjekt zielt, noch zu helfen vermag – also das genaue Gegenteil sozialpädagogischer Empfindsamkeit, die gerne auch ‚gewaltfreie Kommunikation‘ genannt wird.

Anzusetzen hätte eine Kritik, die wirklich eine sein möchte, und die Rap im Fokus hat, zuerst einmal und nicht wirklich fernliegend an dessen Ursprungsmythos. Sie würde sich dann sofort fragen, wieso denn wohl der Polit-Rap fast immer in scheinbar notwendigem identitätspolitischen, also kulturalistischen Widerstandsgestus und die damit verbundenen Säuberungsfantasien verfällt. Statt genau hier selbstkritisch anzusetzen, die ‚Dekonstruktion‘ vielleicht wenigstens einmal auch an sich selbst zu praktizieren, also nicht etwa nur zu überlegen, wie weiße Cis-Männer, sondern wie die eigene politische Form den schlechten Zustand und die Brüderlichkeit hervorbringt, wird genau dieses problematische Moment konserviert und sozialpädagogisch umgarnt. Dabei ist es natürlich kein Zufall, dass gerade eine Kunstform, die so viel mit Innerlichkeit, subkulturellem ’signifying‘, authentischer ‚representation‘ und wahrer ‚Subalternität‘ zu tun hat, besonders schnell dem Wahn verfällt. Wo nicht etwa das amerikanische Wohlstandsmodell affirmiert und so gesellschaftliche Inklusion ganz materialistisch für sich selbst und die Seinen unmittelbar erstrebt wurde, war dem Genre ‚Politrap‘ ausgehend vom Segregations- und Marginalisierungskontext prekarisierter afro-amerikanischer Urbanität schon immer die Tendenz eines brutal anklagenden, hasserfüllten Opferhabitus eingeschrieben, der sich sehr schnell auch als offener Antisemitismus äußerte, wie beispielsweise bei „Public Enemy“. Die kulturalistischen und islamisierten Teilströmungen des Civil Rights Movement sind natürlich besonders auf ihren rapkulturellen Ausdruck immer wieder voll durchgeschlagen.

Hätte man nun erwarten können, dass die „Ticktickboomer“ wenigstens so ausführlich, wie sie belanglosen Nazi-Rap besprechen, einmal den Blick nach links werfen, gerade bei dem großen Distinktionsbedürfnis gegenüber der restlichen Rap-Szene, verhält es sich damit leider vollkommen verkehrt. Allem, was sich links nennt, wird ein Persilschein ausgestellt, bis weit über die Schwelle zum offenen Antisemitismus hinaus. Während man versucht, den eigenen queeren Unternehmergeist als revolutionäre Maulwurfsarbeit zu verkaufen und an das anpolitisierte Jungvolk heranzutragen, wird noch jedem irgendetwas abgewonnen, der nur irgendwie gegen das ‚System‘ wettert.6
Dass dort, wo man also keine vernünftige Abgrenzung innerhalb des eigenen Milieus zustande bekommt, von einem Blick in die ganz und gar erschreckenden Untiefen wohl politisch zu nennender Verlautbarungen aus Kreisen der rappenden ‚arabischen Community‘ schon gar keine Rede sein kann, überrascht zwar niemanden. Man fragt sich aber dennoch, was verkehrt gelaufen ist mit einer Linken, deren Vertreter man getrost unterstellen darf, des Denkens mächtig zu sein. Noch die offenkundigsten und notwendig auftretenden Probleme des Genres Polit-Rap werden ignoriert und stattdessen eine anti-sexistische Vokabellehre betrieben, wo das wichtigste antifaschistische Anliegen doch nur sein kann, den in der Rap-Szene grassierenden Antizionismus und damit einhergehend den männlichen Sozialcharakter und seinen Ehrbegriff einem genauen Blick zu unterziehen. Es ist offensichtlich so, dass Rassisten und Sexisten hier nur bekämpft werden, „weil man sie benötigt. Sie werden gebraucht, weil sie sowas wie der Dreck sind, an welchem der Saubermann zeigen kann, dass er einer ist.“ (Wolfgang Pohrt)7 Die notorische Verweigerung selbst noch eines israelsolidarischen Lippenbekenntnisses verrät viel vom völkischen Drall dieser Sturheit und ist bereits in den Denkbewegungen der poststrukturalistischen Haustheorie und ihren Anverwandten, den ‚postcolonial- und subaltern studies‘, angelegt.

Wie nicht anders zu erwarten, ist die theoretische Reflexion der „Ticktickboomer“ ganz wesentlich von diesen ‚Cultural Studies‘ inspiriert,8 die Kultur bloß als Text lesen und deren regressive Tendenz in vermeintlicher De-Ontologisierung des Sozialen durch die Form kulturalistischer Ein- und Ausschlusssemantiken wie ‚maps of meanings‘, ’signifying systems‘, ‚Hegemonie‘, ‚Artikulation‘ und ‚representation‘ einfach zum Verschwimmen und damit zum Verschwinden bringen, was eben trefflich damit einhergeht, sich besonders ehrgeizig an sexistischen Oberflächenphänomenen abzuarbeiten. So empört man sich, dass der phallokratische Heterosexismus so sehr in der Raplandschaft blüht, der dort nicht etwa bloß Abdruck patriarchalischer Verhältnisse ist, sondern hinter den sexistischen Modus der bürgerlichen Mitte und ihre Triebtabuisierungen noch zurückfällt, indem er diese zu transzendieren versucht. Die Frage nach der Ursache wäre so schwer nicht, nur müsste man sich dann einmal kritisch fragen, ob denn nicht auch der kulturalistische ‚gegen-hegemoniale‘ Partisanenmodus selbst, und nicht nur die ohnehin unverkennbare subkultur-spezifische Feindsemantik viel mit dem beleidigten Männlichkeitsgebaren deprivierter Vorstadtkinder zu tun haben könnte – etwas, das man also selbst hegt und pflegt oder, wie man so gern sagt: ‚reproduziert‘. Es zeigt sich hier einmal mehr, dass dort, wo Männlichkeit ganz besonders stark um sich beißt, nicht nur einfach irgendwelche Rollenaffinitäten zu (non-)verbalen Gewaltritualen bestehen, sondern Männlichkeit vielmehr schon in der nachbürgerlichen politischen Kampf-Form selbst, dem revolutionären Aufstand als fortschrittsoptimistische Massenbewegung der unterdrückten Völker und Sub-Völker, sehr tief angelegt ist. Es handelt sich hierbei nicht bloß einfach um fehlerhafte libidinöse Objektbeziehungen, sondern um falsche; um einen libidinösen Enthusiasmus fürs neu Konkrete. Dies ist der „Ursprung des Scheins, der den Bildern unveräußerlich ist, die das kollektive Unbewusste hervorbringt. Es ist die Quintessenz des falschen Bewusstseins, dessen nimmermüde Agentin die Mode ist. Dieser Schein des Neuen reflektiert sich, wie ein Spiegel im andern, im Schein des immer wieder Gleichen. Das Produkt dieser Reflexion ist die Phantasmagorie der ‚Kulturgeschichte‘, in der die Bourgeoisie ihr falsches Bewusstsein auskostet.“ (Benjamin)9

Der Reflexionsmodus der „Ticktickboomer“ ist diesem Schein erlegen. So falsch das Anprangern misogyner Semantiken im Deutschrap nicht sein kann, wo sich mittlerweile allerdings viele Sexismen selbst nicht mehr sehr ernst nehmen geschweige denn für voll genommen werden könnten, so wäre doch einmal der tiefere Blick weg von der nur markierten sexistischen Lexik hin zum männlichen Ehrbegriff zu leisten. Man käme dann etwa schwerlich umhin, die Sozialfigur Gangsterrapper in Sonderheit als islamische Ausprägung zu denunzieren. Anstatt die Machos zu schlagen, wenn sie ‚Nutte‘ sagen, und zu streicheln, wenn sie vom ‚System‘ sprechen, wäre doch wohl der eminente innere Zusammenhang im männlichen Prinzip von neidprojektiv verwirrter Verschwörungsideologie und (bewegungs-)widerständigem Opfergestus zu beleuchten – und, wenn man denn dazu in der Lage ist, mit einer treffsicheren Karikatur zu versehen, die gerade die Mohammedaner zu ihrem Recht kommen ließe.

Wird ansonsten bei „Ticktickboom“ penibel darauf geachtet, dass bloß kein falscher -Ismus irgendwo auch nur hervorlugt, gilt das für säuberungsaffine Staats-, Gesellschafts’kritik‘ natürlich nicht – für den Touristenhass kiezmilitanter Nachwuchsantifas aufgrund der großen Nähe zur eigenen ‚Gentrifizierungskritik‘ ohnehin nicht –, vielmehr wird diese weitherzig besprochen. So etwa im Format ‚Raputation‘, wo noch die größten völkischen und antisemitischen Propagandisten mit wohlwollender Ermunterung rechnen können.10 Dass es sich hierbei nicht um einzelne Reflexionsausfälle handeln kann, zeigt das aktuelle Statement des Kulturkollektivs,11 die auch in Bremen keine Unbekannten sind und deren letzte Veranstaltung vor Ort für einigen poststrukturalistischen Wirbel im Nachgang gesorgt hat, der vielleicht einmal an anderer Stelle unter die Lupe zu nehmen wäre.12

Was bei „Disarstar“ explizite Tötungsfantasie ist, die sich vorgeblich nur gegen den israelischen Ministerpräsidenten Netanyahu richtet, findet sich als ‚israelkritische‘ Figur ähnlich auch bei den linksaktivistischen Szene-Sozialpädagogen von „Ticktickboom“. Produzent „LeijiONE“ ist etwa der Meinung, „dass […] Gruppen wie die Hamas oder Politiker_innen wie Netanjahu gleichwohl zu kritisieren sind.“ Begründete Vermutungen, wie es zu diesem moralischen Totalausfall kommen kann, liefert er als autobiografisches Narrativ gleich mit: „So wurde auch gelacht, wenn es im Studio zu gar allzu verkürzten Inhalten und Vergleichen kam: ‚Banker und Kinderleichen‘ wurde so als ‚typischer Kaveh-Text‘ belächelt. Heute holt mich dieser unbedarfte und vielleicht auch naive Umgang mit derlei Themen ein und ich bin an dem Punkt, meine Sicht darauf hinterfragen zu dürfen.“

Was dabei herauskommt, wenn ein geständiger „LeijiONE“ sich endlich so weit erlöst sieht, Selbstreflexion betreiben zu dürfen, ist Folgendes: Er möchte vom „’Dagegen‘ zum ‚Dafür‘ übergehen“ und sich nicht weiter im ‚Nahost-Konflikt‘, also gegen den antisemitischen arabischen Gesellschaftskitt positionieren: „Genau durch eine solche Positionierung nihiliere ich meinen Ansatz die Menschen zu sehen. Ich werde mich nicht für eine Seite entscheiden können. Ich will nicht wählen müssen. Nicht Palästina, nicht Israel. Nicht außen, nicht innen stehen. Es gibt nur die Menschen. Und wenn ich im Internet nach guten Beispielen von Humanität und Nächstenliebe suche, dann finde ich von beiden Seiten Arschlöcher und ich finde von beiden Seiten herzerwärmende Szenen von Solidarität. Ich sehe Menschen, die ihre Herzen für einander öffnen, Liebe für alle Menschen …“13 und so fort, dieses ekelafte Menschlichkeitsgefasel kann zur Illustration der These dienen, dass dort, wo von ‚Humanismus‘ die Rede ist, mit Sicherheit eine Schweinerei dahinter steckt, und dies ist bei weitem nicht die einzige ausufernde gefühlsduselige Passage. Was hier aufgetischt wird und zwingend nicht weiter zitiert werden braucht, ist reinstes esoterisches Eigentlichkeitsgewäsch. Diese Form lebensphilosophischer Narrativ-Diversität postfaschistischer Subjekte wie „LeijiONE“ vertauscht Mittel und Zweck wie das ‚Sein zum Tode‘ der Djihad-Faschisten – „Diese jungen Männer lieben den Tod, so wie ihr das Leben liebt.“ (Osama Bin Laden). Davon unterscheidet es sich wesentlich und ausschließlich durch das differentiam specificam einer lichtscheuen Menschenliebe, von der man besser nicht abhängig sein möchte, der es offenbar nur darum zu tun ist, sich in der „innerlinke[n] Kultur“ heimelig einzurichten und sich dabei vorzumachen, dabei irgendwie zum Umsturz der Verhältnisse beizutragen.

Das Wohlfeilste, das man Israel in dieser Szene entgegenzubringen vermag, nämlich seine „Existenzberechtigung“ – die es sich ohnehin von solchen Wohlfühl-Linken und ihrem Mordbuben-Umfeld nicht nehmen lässt – und das szenetrendig durchdidaktisierte wie zugleich ständig selbst unterlaufene Bekenntnis gegen ’strukturellen Antisemitismus‘, legen nur Zeugnis ab vom geistig-moralischen Verfall einer sich denknotwendig retraditionalisierenden Linken, die freilich von all dem nichts wissen will, weil ein noch so leises Bekenntnis gegen den politischen Islam den eigenen Kulturschutzmodus ins Wanken geraten ließe oder ein solches nur als Pseudo-Bekenntnis möglich ist. Die ganz und gar widersinnige Rede von „Islamophobie“ kann an dieser Stelle gar nicht überraschen und zeigt bloß, dass die Berliner Zeckenrapper sich in ihrem Islamneid trefflich mit dem linken Turnbeutelvolk einig sind, das ihnen so erwartungsvoll hinterherspringt. Wie viele Seminare und Workshops die „Ticktickboomer“ als Teil der linken Szene wohl schon durchlaufen haben müssen, um sich ohne jegliche Distanz zu sich selbst doch immer wieder nur um sich und die paar poststrukturalistischen Theorie-Versatzstückchen zu drehen? Die linke Heimeligkeit, die sich noch vor jeder offensichtlich notwendigen Szene-Spaltung herumdrückt, und das ganze blödsinnige auf Unmittelbarkeit getrimmte subkulturelle Wohlfühl-Gehabe, verraten viel von der Ahnung linker Szene-Pluralisten, dass sie unter den ersten wären, die von ihren eigenen Zöglingen hinweggefegt würden, wenn diese nicht etwa von amerikanischen, israelischen und sogar deutschen Institutionen daran gehindert würden.

Die Frage, die „Ticktickboom“ immer wieder unbedingt aufwerfen will, was denn nun noch ‚links‘ sei, ist daher leicht zu beantworten: Links zu nennen ist die ganze auf kollektive (Säuberungs-)Eschatologie gerichtete antiimperialistische Ideologie, ihre poststrukturalistische Entnennung und ihre ‚postkolonialistische‘ Rechtfertigung. ‚Links‘ ist deswegen als selbstbezügliches Attribut gänzlich unbrauchbar geworden für kritische Menschen, es gilt hier nicht mehr als eine aufmerksame destruktive Distanz zu wahren und das ganze völkische Szeneticket schleunigst fallenzulassen. Wenn man das gefühlige regressive Geschreibsel von „Ticktickboom“ so liest, möchte man für die Schließung jeglicher Szene-‚Voküs‘ (neudeutsch ‚Küfas‘) plädieren, wo solch Unsinn und die dazugehörige Innerlichkeitsmystik zumeist ganz besonders zu Hause sind. Von der Sozialfigur ‚Zecke‘ scheint jedenfalls nicht mehr allzu viel zu retten zu sein. Auch in Bremen wird ihr in Teilen durchaus fortschrittlicher Hedonismus langsam aber sicher vom esoterischen Öko-Purismus abgelöst, der seinen sublimierten Selbsthass kaum verbergen kann. Auch angesichts des anti-sexistischen Pseudo-Gerödels, das sich in seiner sportiven Sprachpolitik und seiner subalternen Opferhaltung14 denkbar weit vom Feminismus entfernt hat, ist man mitunter geneigt, sich die saufende und miefende, immerhin offen sinnfrei randalierende Zecke der 80er zurück zu wünschen.

Dass nun selbst diejenigen, die beispielsweise bei den Parolen eines „Disarstar“ nicht mitgehen wollen, diesen gleichwohl aufgrund seiner ‚Raptechnik‘ irgendwie cool finden, wirft dabei einmal mehr ein grelles Licht auf den Subjektverfall der eigendiagnostizierten ‚Postmoderne‘. Wo wohl Haltung gefragt wäre, gefallen sich reihenweise auch vernünftigere Vertreter der linken Szene von Hamburg, Berlin bis Leipzig darin, noch den größten faschistoiden Müll abzufeiern, wenn irgendwelche vermeintlich fremdkulturellen Ehrenmänner vorgeben, die ’spießige‘ deutsche Leitkultur zu ärgern.
Gegen die hier immer wieder aufscheinende Critical-Whiteness-Attitüde derjenigen, die sich selbst gerne neidprojektiv Kartoffel nennen, und theoriekonträr auf die ‚cultural appropriation‘ der von ihnen nie erschöpfend genug durchkatalogisierten Volksstämme nicht verzichten wollen, ist wohl der hedonistische, sich selbst nicht ernst nehmende Konsum noch das Bessere. Man kann nur hoffen, dass es tatsächlich eher der Kitsch, die eigene Langeweile und bisweilen echte Liebe für Wortakrobatik sind, die die nicht allzu realitätsferne Maskerade deutscher Gangster- und Straßenrapper für manche ‚Linksalternative‘ so attraktiv macht. An großen Teilen des traditionsbewussten Bremer Standortkollektivs ist dieser Trend ohnehin wie so mancher Trend – manchmal zum Besseren, manchmal zum Schlechteren – bislang vorübergegangen. In Bremen kündet schon das ausgelatschte Samba-Schuhwerk viel von subkultureller Ungleichzeitigkeit.

Es kann einem allerdings auch hier ganz und gar nicht wohl dabei sein, wie der kollektive Palästina-Support zusehends über die Facebook-Gemeinden der ganz und gar deutschen Rapkünstler und ihrer ‚arabischen Communities‘ vermehrt um sich schwappt – ein echtes Beispiel postkolonialer ‚Mimikry‘. Dies mindestens ebenso laut zu kritisieren wie etwa einen von niemandem für voll genommenen „Fler“,15 ist einer Linken unmöglich, die sich zwar gegen „spezielle Zugehörigkeiten“ wenden will, aber das Bessere nur als deren Verewigung in autarken Kulturreservate denken kann. Hier soll die eine Perspektive immer nur so gut sein wie eine beliebige andere. „Eine Forderung, die Druck auf andere ausübt um eine Positionierung zu erzwingen, kann dadurch für mich nicht akzeptabel sein.“, bringt „LeijiONE“ diesen Wahnsinn auf den Punkt.

Das Aktionsbündnis für Wutbürger hat sich aus diesen Gründen entschieden, dem Vorschlag der Aktion Zaungast zu folgen, „Tickbickboom“ als kollektiven Wutbürger der Woche auszuzeichnen. Auch deswegen, weil bezweifelt werden muss, ob es sich aufgrund des fortgeschrittenen geistigen und moralischen Verfalls der Rapper und ihrer wachsenden Zuhörerschaft noch um ansprechbare Subjekte handelt. Vielmehr ist davon auszugehen, dass der Wahn hier endgültig scharf gestellt und nicht mehr nur spiegelbildlich theorieimmanent betreut werden wird. Die vage Hoffnung, die im Versuch liegt, „diejenigen einer beißenden Kritik zu unterziehen, die ihren Antisemitismus durch offizielle Sprachregelungen zu zügeln gelernt haben, also diejenigen, bei denen eine vage Hoffnung auf Restvernunft noch besteht“ (ABGWB)16, sollte keinen Anlass für Illusionen bieten. Wütend ist der Gestus der „Ticktickboomer“, wo sie statt die antizionistische Ideologie der Schlächter und ihrer globalen Kumpane anzuklagen, diese und damit ihren eigenen Szene-Nenner beschirmen und sich stattdessen gegen die Szene lähmenden „Innerlinken Hass“ wenden.

Die Preisverleihung ans „Ticktickboom“-Kollektiv ist deshalb mit der Erwartung verbunden, solche absolut unnötigen und schon der ganzen bewegungsaffinen linkskollektivistischen Projektidee nach tendenziell regressiven Strukturen, die vermutlich allen Ernstes von sich glauben, etwas ‚authentischeres‘ und ‚gesellschaftskritischeres‘ als irgendein anderes deutsches Kulturprodukt abzuliefern, schnellstmöglich abzuwickeln und endlich zur Kritik überzugehen.
Es sind übrigens durchaus, so wäre zu schließen, die in Opferstellung imaginierten ‚Subalternen‘ selbst, die ihre Lebensumstände sehr wohl eigenständig zu durchschauen wissen. So sagt beispielsweise, um kein deutsches Liedgut bemühen zu müssen,17 der US-Polit-Rapper „Immortal Technique“ in einem hellsichtigen Moment: „There’s no diversity because we’re burning in the melting pot“ und dem ist nichts hinzuzufügen.


Fußnoten

7 Pohrt, Wolfgang (2004): FAQ, Berlin: Ed Tiamat.

9 Benjamin, Walter (1983): Das Passagen-Werk, in: Ders.: Gesammelte Schriften, Band V.1, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, S. 55.

17 Hier wäre allerdings vielleicht tatsächlich der Gewinner der ersten Staffel von ‚Raputation‘, „Cossu“, zu nennen, der sich wohltuend von den Irrationalitäten vieler seiner Mitstreiter abhebt: https://www.youtube.com/watch?v=cVRpkKqEafs

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