Richard Herzinger

Einer, der es nie verkraftet hat, dass er die Kritische Theorie nicht verstanden hat, nutzt die Verleihung des Adorno-Preises an Judith Butler zum intellektuellen Harakiri:

Die Verleihung des Theodor W. Adorno-Preises 2012 an die Philosophin Judith Butler stößt bei Gegnern der radikalen Antizionistin und bei vermeintlichen Gralshütern des geistigen Erbes Adornos auf wütenden Protest. Doch die Nähe Butlers zu den zivilisationskritischen Thesen des Säulenheiligen der “Kritischen Theorie” ist größer, als es ihren Kritikern lieb sein kann.

So tönt es aus Richard Herzingers „Freie(r) Welt“, die wir uns irgendwie immer ganz anders vorgestellt haben. Das Kernstück seiner „Argumentation“ geht wie folgt:

In ihrer “Dialektik der Aufklärung” betitelten Sammlung philosophischer Essays, die erstmals 1944 erschien, dekretierten Horkheimer und Adorno: “Aufklärung ist totalitär.” Und das im sicheren Exil in den USA, (in deren Erde womöglich begraben werden zu müssen für den deutschen kulturkonservativen Professor Adorno freilich eine peinigende Schreckensvorstellung war), und während in Europa amerikanische und britische Soldaten ihr Blut im Kampf gegen die entfesselte Barbarei der Gegenaufklärung vergießen mussten. Just in dieser historischen Situation zogen Adorno und Horkheimer in ihrem abstrusen Traktat gegen Kapitalismus, angelsächsischen Rationalismus und “Positivismus”, gegen die angeblich rücksichtslose Naturbeherrschung durch die “instrumentelle Vernunft”, sowie nicht zuletzt gegen die amerikanische “Kulturindustrie” vom Leder. Mittels ihrer obskuren “Dialektik” brachten es Horkheimer und Adorno fertig, zu einer Zeit, da die Gaskammern der Nazis auf Hochtouren liefen, die vermeintlich zu nackter kapitalistischer Zweckrationalität verkümmerte Aufklärung für den nationalsozialistischen Zivilisationsbruch verantwortlich zu machen. (Auf den Nationalsozialismus spielen sie in der “Dialektik der Aufklärung” überhaupt nur mit dem schwammigen, generalisierenden und die tatsächliche Vernichtungskraft des Nationalsozialismus verwischenden Schlagwort “Faschismus” an.)

Nachdem er eindrucksvoll belegt hat, dass er von der Kritischen Theorie außer ein paar Schlagworten nichts weiß, offenbart er noch, worum es ihm wirklich geht. Er will endgültig abrechnen mit den sogenannten Antideutschen, weil es ihm als vorgeblich aufgeklärtem Rationalisten nicht schmeckt, dass jene es mit Israel und dem Kommunismus halten, wogegen er die Figur des „vernünftigen Israelhassers“ einführt, den es , folgte man seinem Aufklärungsbegriff, gar nicht geben dürfte:

Es ist, nebenbei gesagt, eine skurile Pointe, dass ausgerechnet die ebenso groteske wie marxistisch bornierte Sekte der “Antideutschen”, oder genauer: “antideutschen Kommunisten”, die unglückseligerweise große Teile der Israelsolidarität usurpiert hat (und sie so bei vernünftigen Menschen nachhaltig diskreditiert), und die ansonsten rund um die Uhr (fröhlich ist das Studenten- und Doktorandenleben…) damit beschäftigt ist, Spurenelemente verwerflicher”deutscher Ideologie” im Denken anderer Leute aufzuspüren, dieses im Geiste miefigster deutschen Kulturkritik verfasste Elaborat Horkheimers und Adornos – dem auch der Jazz als Manifestation amerikanischer Unkultur und Ausdruck rettungslosen Kulturverfalls galt -, zur sakrosanten, letztgültigen Offenbarung einzig wahrer “Gesellschaftskritik” erklärt hat. (Auf das Phänomen der präpotenten antideutschen Möchtegern-Gralshüter der “Kritischen Theorie” wie auf die notorische Methode, die Aufklärung mittels des Popanzes der “Dialektik” zu erledigen, werde ich in Kürze ausführlicher zurückkommen.)

Auf diese Hasspamphlete freut sich bereits das Aktionsbündnis gegen Wutbürger, das noch zahlreiche Preise zu vergeben hat – wenn auch leider keinen, der nach Adorno benannt ist. Es wird jedoch aufmerksam verfolgen, wie Herr Herzinger seinem Unmut über die Usurpation der Israelsolidarität und deren Diskreditierung durch faules Studentenpack und anderes Gesindel in weiteren sogenannten Kolumnen Luft verschaffen wird – es sei denn, das lustige Studentenleben zwingt uns, bis frühmorgens in Kneipen herumzuhängen, miefigste deutsche Kulturkritik zu betreiben oder der freien Liebe zu frönen. In jedem Fall wartet das Aktionsbündnis gegen Wutbürger schon ganz gespannt darauf, dass Herzinger darauf ausführlicher zurückkommt. Vorerst muss er sich jedoch mit der Auszeichnung als Wutbürger der Woche begnügen.

3 Antworten zu Richard Herzinger

  1. San schreibt:

    Ein bisschen schwach die Polemik. So plump wird oft auch Amerys Kritik am Jargon der Dialektik abgetan. Herzinger trifft durchaus etwas mit seiner Kritik an der kritischen Theorie – wenn auch mit antimaterialistischen Ressentiment versetzt, worauf man sich nur allzuleicht stürzen kann.

    Aber die kritische Theorie ist tatsächlich ambivalent und manchmal zu undialektisch in der Dialektik der Aufklärung. Diese unausgemachten Widersrpüche herauszuarbeiten, hat sich nicht zuletzt Gerhard Scheit bemüht. Und natürlich behält Herzinger mit seiner Beobachtung – mehr ist es leider nicht wirklich – recht, dass Adorno und Horkheimer herzlich wenig zu Israel gesagt haben. Den Antisemitismus des Antizionismus hat eigentlich erst Amery betont. Und Herzinger beobachtet zurecht – und das wisst auch ihr -, dass die Dialektik der Aufklärung und Walter Benjamin Lieblingswerke von postmodernen MeisterdenkerInnen sind. (Die negative Dialektik hingegen nicht.) Und es allgemeine Tendenz ist, dass Butler der zweite Adorno ist. Dessen sollte man eingdenk sein, der blinden Flecken der kritischen Theorie, wie sie Scheit in seinem letzten öffentlichen, online zugänglichen Vortrag genannt hat, wenn man Herzinger kritisiert. Man begibt sich unter die Kritik des Gegenstandes, wenn man diese Wahrheiten besserwisserisch („er hat nichts verstanden“) mit dem Blödsinn, den Herzinger noch von sich gibt, beiseite fegt.

  2. abgwb schreibt:

    Interessant, was man in den Herzinger-Text so hineinlesen kann.

  3. Pingback: Herzchen Herzingers lichte Momente… | SonntagsGesellschaft

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